C’étaient des idéalistes

C’étaient des idéalistes

Wie ich im bilingualen Geschichtsunterricht lernte, daß Terror eigentlich nur eine etwas unglücklich verlaufene Form des Idealismus ist

Von Dr. Christoph von Gamm, 5. Oktober 2026

Ich wurde in der Schule verarscht.

Das ist zunächst keine besonders originelle Feststellung. Fast jeder Mensch stellt irgendwann fest, daß ihm in der Schule Dinge beigebracht wurden, die entweder falsch, unvollständig oder inzwischen durch die Wirklichkeit überholt sind.

Bei uns hatte die Sache allerdings Stil.

Ich besuchte eine sozialistisch angehauchte, bilinguale deutsch-französische Schule in München-Nymphenburg. Das Gebäude war architektonisch ungefähr das, was herauskommt, wenn Le Corbusier und das Hasenbergl gemeinsam beschließen, Kinder zu bestrafen. Der Architekt war derselbe. Später machte er Karikaturen für die Süddeutsche Zeitung.

Das Dach war undicht.

Ein Riß ging im A-Bau schräg durch den dritten Stock.

Die Toiletten stanken.

Im Winter war es klamm.

Im Sommer konnte man in den Klassenräumen vermutlich Tomaten trocknen.

Aber dafür war das Gebäude modern, keine 20 Jahre alt, als ich hinkam.

Und wir waren bilingual.

Das war wichtig.

Denn wenn man Unsinn auf Französisch erzählt, klingt er sofort nach Aufklärung.

Und so kamen wir irgendwann zur Französischen Revolution.

Zur Révolution française.

Liberté.

Égalité.

Fraternité.

Und schließlich:

Les Jacobins.

C’étaient des idéalistes

Robespierre, lernten wir, war ein Idealist.

Danton war ein etwas wilder, vielleicht leicht überdrehter, im Grunde aber ebenfalls wohlmeinender Revolutionär.

Und Jean-Paul Marat war natürlich eine besonders tragische Figur.

Der arme Mann.

Krank.

In seiner Badewanne.

Und dann kommt diese Charlotte Corday und ersticht ihn.

Eine Verräterin.

Das Bild von Jacques-Louis David durfte natürlich nicht fehlen: Marat liegt da wie Jesus nach der Kreuzabnahme, Feder in der Hand, Badewanne als Golgatha.

Revolutionäre PR, gemalt 1793.

Wir betrachteten es allerdings ungefähr so, wie andere Schulen Heiligenbilder betrachteten.

Und die pädagogische Quintessenz lautete:

C’étaient des idéalistes.

Das schrieb man in die Schulaufgabe.

Dann gab es eine gute Note.

Und weiter im Text.

Was man uns etwas weniger enthusiastisch erklärte:

Robespierre war Rechtsanwalt.

Danton war Rechtsanwalt.

Marat war Arzt, Naturwissenschaftler und Publizist.

Die führenden Jakobiner waren also nicht gerade eine spontane Selbsthilfegruppe hungernder Landarbeiter.

Es handelte sich überwiegend um gebildete Angehörige des Bürgertums, um Juristen, Ärzte, Journalisten und Politiker.

Kurz gesagt:

Leute, die wußten, wie man schreibt, redet, organisiert und Institutionen übernimmt.

Das sollte sich noch als nützlich erweisen.

Denn irgendwann stellten unsere Idealisten fest, daß Freiheit eine ausgezeichnete Sache ist, solange die Menschen mit ihrer Freiheit das Richtige tun.

Wenn nicht, muß man eben etwas nachhelfen.

Mit dem Staat.

Mit Tribunalen.

Mit Überwachung.

Mit Beschlagnahmung.

Mit Preisvorschriften.

Und gelegentlich mit einer Guillotine.

Liberté, Égalité, Fraternité – Bedingungen und Konditionen können abweichen.

Der Wohlfahrtsausschuß

Besonders schön ist schon der Name:

Comité de salut public.

Wohlfahrtsausschuß.

Das klingt nach einem Gremium, das sich mit Kindergärten, Seniorenmittagessen und der Sanierung des örtlichen Hallenbads beschäftigt.

Tatsächlich entwickelte sich daraus eines der zentralen Machtorgane der revolutionären Regierung.

Und hier wird die Französische Revolution plötzlich ungeheuer modern.

Denn selbstverständlich geschah alles nur wegen des Notstands.

Krieg.

Konterrevolution.

Versorgungskrise.

Innere Feinde.

Äußere Feinde.

Verräter.

Spekulanten.

Saboteure.

Extremisten.

Die Republik war in Gefahr.

Und wenn die Republik in Gefahr ist, kann man leider nicht jedes Detail rechtsstaatlich ausdiskutieren.

Es geht schließlich ums große Ganze.

Das haben wir später ebenfalls gelernt:

Ausnahmezustände sind immer vorübergehend.

Bis zum nächsten Ausnahmezustand.

Das Problem mit den falschen Revolutionären

Besonders hübsch wird die Geschichte, wenn man betrachtet, wen die Revolution schließlich umbrachte.

Zuerst waren es Aristokraten und tatsächliche Gegner der Revolution.

Das konnte man noch relativ einfach erklären.

Dann kamen die Girondisten.

Schon schwieriger.

Dann kamen die Hébertisten.

Hoppla.

Dann Danton und seine Leute.

Noch mehr Hoppla.

Und irgendwann lag schließlich Robespierre selbst unter derselben Maschine, mit der seine politische Ordnung vorher andere Menschen hatte entsorgen lassen.

Das ist eine der großen Konstanten radikaler Politik:

Irgendwann gehen die Feinde aus.

Dann nimmt man die Freunde.

Die Revolution frißt ihre Kinder, heißt es.

Nicht ganz.

Die Revolution führt lediglich regelmäßig Qualitätskontrollen im eigenen Personalbestand durch.

Das Maximum

Auch wirtschaftspolitisch waren unsere Idealisten ihrer Zeit voraus.

Wenn Lebensmittel zu teuer werden, gibt es schließlich eine naheliegende Lösung:

Man verbietet hohe Preise.

Genial.

Das Maximum général legte Höchstpreise für zahlreiche Waren fest und wurde mit Requisitionen und Zwangsmaßnahmen verbunden.

Denn wenn ein Händler zu einem staatlich festgelegten Preis nicht verkaufen möchte, muß man ihm nur ausreichend erklären, warum er das künftig anders sieht.

Das Ergebnis solcher Systeme besitzt eine gewisse historische Beharrlichkeit:

Waren verschwinden.

Schwarzmärkte entstehen.

Qualitäten sinken.

Produzenten versuchen, den staatlich diktierten Tausch zu vermeiden.

Darauf reagiert der Staat mit stärkeren Kontrollen.

Woraufhin die Waren noch stärker verschwinden.

Woraufhin man noch strengere Kontrollen benötigt.

Mietpreisbremse sagt hallo.

Das Schöne an dirigistischer Wirtschaftspolitik ist:

Ihre Folgen liefern regelmäßig die Begründung für ihre Verschärfung.

Aber auch das konnte man pädagogisch einordnen.

Notstand.

Krieg.

Spekulanten.

Sachzwänge.

C’étaient des idéalistes.

Marat Superstar

Besonders beeindruckt hat mich rückblickend unsere Behandlung Jean-Paul Marats.

Marat war nämlich keineswegs nur ein bedauernswerter Hautkranker, der zufällig ein bißchen Journalismus betrieb und dann beim Baden ermordet wurde.

Der Mann war ein politischer Agitator von erheblichem Format.

Er schrieb.

Er hetzte.

Er benannte Feinde.

Er forderte Gewalt.

Er gehörte zu denjenigen, die das Klima der revolutionären Radikalisierung kräftig mit erzeugten.

Er war durch und durch ein Widerling.

Charlotte Corday wiederum war nicht einfach irgendeine finstere Agentin des Ancien Régime.

Sie sympathisierte mit den Girondisten und glaubte, mit der Ermordung Marats weiteres Blutvergießen verhindern zu können.

Sie irrte sich.

Aber das macht die Geschichte erheblich interessanter als:

Böse Frau ersticht guten Revolutionär in Badewanne.

Nur hätte man dann möglicherweise über politische Gewalt sprechen müssen.

Und zwar über Gewalt von links.

Das war offenbar komplizierter.

Das wollte man lieber nicht.

Die Verfassung

Natürlich hatte die Revolution auch Verfassungen.

Sogar mehrere.

Wenn eine nicht mehr paßte, nahm man eine andere.

Auch das ist eigentlich ziemlich praktisch.

Die besonders demokratische Verfassung von 1793 wurde sogar per Referendum angenommen.

In Kraft trat sie allerdings nie.

Es herrschte schließlich Notstand.

Man könnte daraus eine ausgesprochen interessante staatsrechtliche Lektion machen:

Eine Verfassung schützt Freiheit nicht dadurch, daß irgendwo „Freiheit“ daraufsteht.

Eine Verfassung schützt Freiheit nur dann, wenn diejenigen, die Macht besitzen, tatsächlich daran gehindert werden können, sie zu überschreiten.

James Madison hatte das Problem bereits 1788 verstanden. Also ein Jahr vor der französischen Revolution.

Sonst ist sie Papier.

Sehr feierliches Papier.

Mit schönen Begriffen darauf.

Aber Papier.

Und dann kam die historische Fußnotenverteidigung

Natürlich waren unsere Lehrer nicht völlig ungebildet.

Im Gegenteil.

Das machte die Sache erst interessant.

Man kannte Historiker.

Man kannte Interpretationen.

Man wußte, daß es unterschiedliche Schulen gab.

Und deshalb wurde der Terror irgendwann differenzierter betrachtet.

Das war keine Diktatur.

Das war eine Notstandsreaktion.

Aha.

Die Republik befand sich schließlich im Krieg.

Im Inneren gab es Aufstände.

Von außen drohten Monarchien.

Die Versorgungslage war katastrophal.

Alles richtig.

Nur ergibt sich daraus eine Frage, die mir im Unterricht irgendwie nie begegnet ist:

Seit wann wird politische Unterdrückung dadurch harmlos, daß ihre Urheber einen Grund dafür nennen können?

Diktaturen haben fast immer Gründe.

Notstand.

Krieg.

Sabotage.

Konterrevolution.

Volksfeinde.

Terroristen.

Spekulanten.

Verräter.

Desinformation.

Die Bezeichnungen ändern sich.

Das Prinzip bleibt erstaunlich stabil:

Wir würden euch ja gern eure Freiheit lassen, aber leider sind gerade die Umstände ungünstig.

Nein, die Jakobiner waren keine Kommunisten

An dieser Stelle muß man allerdings aufpassen.

Denn die spiegelverkehrte Schullegende wäre ebenfalls Unsinn.

Die Jakobiner waren keine Kommunisten im Sinne des 19. oder 20. Jahrhunderts.

Marx saß nicht heimlich 1793 unter Robespierres Schreibtisch und schrieb mit.

Auch die Behauptung, der Jakobinerclub sei schlicht von Freimaurern als revolutionäre Kommandozentrale gegründet worden, hält einer sauberen historischen Prüfung nicht stand.

Es gab personelle und geistige Überschneidungen mit Freimaurerei und Aufklärung, aber der Club entwickelte sich aus dem bretonischen Abgeordnetenclub der Generalstände.

Und Karl Marx kam erst Jahrzehnte später.

Nix hat mit Nix zu tun. Kennen wir.

Denn eine Traditionslinie ist durchaus sichtbar:

die Vorstellung einer politisch erkannten Wahrheit;

die moralische Überhöhung des eigenen politischen Projekts;

die Einteilung der Gesellschaft in Fortschritt und Reaktion;

die Vorstellung, daß Widerstand gegen das politisch Gute irgendwann selbst moralisch verwerflich wird;

und schließlich die Versuchung, Menschen zu ihrem Glück zu zwingen.

Und wenn sie partout nicht glücklich werden wollen, wird aus der Erziehung irgendwann Zwang. Aus dem Zwang Gewalt. 1793 stand dafür die Guillotine bereit.

Babeuf kam später.

Buonarroti kam.

Die sozialistischen und kommunistischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts kamen.

Marx kam.

Lenin kam.

Sie waren nicht alle Jakobiner.

Aber die Frage, die 1793 auf dem Tisch lag, blieb:

Was darf eine politische Bewegung tun, wenn sie überzeugt ist, die Geschichte auf ihrer Seite zu haben?

Die unangenehme Antwort lautet:

Offenbar ziemlich viel. 

Der eigentliche Unterricht

Und genau deshalb ärgert mich mein damaliger Geschichtsunterricht heute noch.

Nicht weil man uns die Französische Revolution erklärt hat.

Nicht weil man ihre Errungenschaften behandelt hat.

Die waren gewaltig.

Rechtsgleichheit.

Abschaffung feudaler Privilegien.

Ein neuer Begriff des Staatsbürgers.

Säkularisierung.

Die Vorstellung, daß Herrschaft einer politischen Legitimation bedarf.

Alles richtig.

Das Problem war etwas anderes.

Man hatte bereits entschieden, wer in der Geschichte die Guten waren.

Und sobald das entschieden ist, verändert sich die Sprache.

Der eine begeht Terror.

Der andere reagiert auf den Notstand.

Der eine betreibt Propaganda.

Der andere politische Aufklärung.

Der eine verfolgt seine Gegner.

Der andere verteidigt die Revolution.

Der eine kontrolliert Preise.

Der andere schützt die Bevölkerung vor Spekulanten.

Der eine zentralisiert Macht.

Der andere stellt die Handlungsfähigkeit des Staates sicher.

Und wenn irgendwann genügend Köpfe im Korb liegen, sagt man:

C’étaient des idéalistes.

Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die ich aus meinem bilingualen Geschichtsunterricht mitgenommen habe.

Nur leider ungefähr vierzig Jahre später.

Der Hassbau von Nymphenburg

Vielleicht paßte das alles sogar perfekt zu unserem Schulgebäude.

Dieser Betonbau war schließlich selbst ein kleines Monument des guten Willens.

Modern.

Progressiv.

Funktional.

Pädagogisch wertvoll.

Auf dem Papier vermutlich großartig.

In der Realität war das Dach undicht, im Winter fror man, im Sommer wurde man gekocht und die Toiletten stanken.

Aber das Konzept war bestimmt hervorragend.

Vielleicht ist das die schönste Metapher für jene Form von Politik, die wir dort so freundlich erklärt bekamen.

Die Idee stimmt.

Das Gebäude funktioniert nur nicht.

Also braucht man mehr vom Konzept.

Mehr Planung.

Mehr Zentralisierung.

Mehr Regeln.

Mehr Kontrolle.

Und wenn es anschließend noch immer durchs Dach regnet, liegt das selbstverständlich nicht am Entwurf.

Dann haben die Bewohner das Gebäude falsch benutzt.

So saßen wir also in diesem Beton gewordenen Fortschrittsversprechen und lernten etwas über Robespierre.

Draußen Nymphenburg.

Drinnen sozialistische Pädagogik.

Oben kam das Wasser durch die Decke.

Und vorne erklärte jemand:

C’étaient des idéalistes.

Vielleicht waren sie das sogar.

Das ist das Beunruhigende.

 

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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