Wachstum bis zum letzten Ukrainer
Oder: Warum der Fischer endlich eine Panzerfabrik eröffnen sollte
- November 2026
Es war einmal ein Fischer, der mittags in seinem Boot lag, die Sonne genoß und sich seines Lebens freute. Ein Unternehmensberater kam vorbei und erklärte ihm, daß er mehr arbeiten müsse. Viel mehr. Dann könne er ein zweites Boot kaufen, weitere Fischer beschäftigen, eine Flotte aufbauen, international expandieren und irgendwann, nach dreißig Jahren harter Arbeit, endlich auf seiner Yacht liegen und die Sonne genießen.
Der Fischer fragte, was er denn gerade tue.
Die Geschichte stammt in ihrer ursprünglichen Form von Heinrich Böll. Damals hieß der Unternehmensberater noch Tourist. Heute wäre er vermutlich Partner bei McKinsey, hätte einen MBA von INSEAD und würde für die Erstellung einer PowerPoint-Präsentation 350.000 Euro berechnen.
Aber das Prinzip ist dasselbe geblieben.
Wir müssen wachsen.
Warum?
Damit wir wohlhabender werden.
Warum?
Damit wir uns irgendwann leisten können, weniger zu arbeiten und unser Leben zu genießen.
Und was machen wir, wenn wir bereits alles haben, was wir brauchen?
Dann müssen wir eben etwas produzieren, was wir nicht brauchen.
Willkommen in der modernen Volkswirtschaft.
Das Problem mit dem vollen Kühlschrank
Der durchschnittliche Deutsche besitzt inzwischen eine bemerkenswerte Ansammlung von Dingen. Kühlschrank, Waschmaschine, Fernseher, Auto, Smartphone, Kaffeemaschine, Akkuschrauber und vermutlich drei verschiedene Geräte, mit denen man Milch aufschäumen kann.
Das Zeug funktioniert meistens.
Und genau das ist das Problem.
Denn wenn der Kühlschrank funktioniert, wird kein neuer gekauft. Wenn das Auto noch fährt, wird kein neues bestellt. Wenn die Waschmaschine zwanzig Jahre hält, hat der Hersteller zwanzig Jahre lang einen Kunden verloren.
Eine volkswirtschaftliche Katastrophe.
Man kann natürlich versuchen, den Menschen einzureden, daß ihre vorhandenen Geräte nicht mehr gut genug seien. Das funktioniert beim Smartphone hervorragend. Beim Kühlschrank wird es schwieriger.
Irgendwann hat der Mensch einfach genug Zeug.
Nicht genug Lebensqualität, wohlgemerkt. Aber genug Zeug.
Er hätte vielleicht gerne mehr Zeit für seine Kinder, weniger Bürokratie, weniger Lärm, bessere Gesundheit oder schlicht einen Nachmittag in der Sonne.
Nur leider läßt sich ein Nachmittag in der Sonne schlecht als Industrieauftrag verbuchen.
Zum Glück gibt es noch die Rüstungsindustrie
Hier wird es interessant.
Ein Panzer hat gegenüber einem Kühlschrank einen entscheidenden volkswirtschaftlichen Vorteil: Er ist dafür konstruiert, in einer Umgebung eingesetzt zu werden, in der Dinge kaputtgehen.
Manchmal auch der Panzer selbst.
Und dann braucht man einen neuen.
Dasselbe gilt für Artilleriemunition. Sie hat eine bemerkenswert kurze Nutzungsdauer. Nach einmaligem Gebrauch ist sie weg. Das ist aus Sicht des Wiederholungsgeschäfts geradezu ideal.
Der deutsche Staat bestellt also militärische Ausrüstung für die Ukraine. Deutsche Unternehmen erhalten Aufträge, bezahlen Mitarbeiter, bestellen Komponenten, erweitern Produktionskapazitäten und melden Umsätze.
Die Statistik freut sich.
Der Finanzminister kann auf industrielle Wertschöpfung verweisen. Der Wirtschaftsminister auf Arbeitsplätze. Der Verteidigungsminister auf sicherheitspolitische Verantwortung.
Und irgendwo in einem ukrainischen Schützengraben sitzt ein 23jähriger Mann, der möglicherweise lieber mit seiner Freundin am Schwarzen Meer liegen würde, als mit deutscher Munition auf russische Soldaten zu schießen, die möglicherweise ebenfalls lieber zu Hause wären.
Das ist die eigentliche Tragödie.
Denn während in Deutschland über Auftragseingänge und industrielle Kapazitäten gesprochen wird, bezahlen andere Menschen den Krieg mit ihrer Lebenszeit. Manche mit ihrer gesamten verbleibenden Lebenszeit.
Natürlich ist die Ukraine angegriffen worden und hat das Recht, sich zu verteidigen. Natürlich kann militärische Unterstützung notwendig sein, um noch größere Zerstörung zu verhindern.
Aber daraus folgt nicht, daß man den wirtschaftlichen Nebeneffekt zum gesellschaftlichen Erfolg erklären sollte.
Ein Krieg ist keine Konjunkturmaßnahme. Und eine Granate ist kein Wohlstandsgewinn, nur weil sie zuvor eine deutsche Fabrik verlassen hat.
Die wunderbare Welt der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
Das Bruttoinlandsprodukt hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Es interessiert sich nicht besonders dafür, ob das produzierte Gut dem menschlichen Glück dient.
Ein Krankenhausaufenthalt erhöht das BIP. Ein vermiedener Krankenhausaufenthalt möglicherweise nicht.
Ein Autounfall erzeugt Reparaturaufträge, medizinische Leistungen und gegebenenfalls die Nachfrage nach einem neuen Fahrzeug.
Ein unfallfreier Nachmittag erzeugt zunächst einmal gar nichts.
Und eine Artilleriegranate erhöht die Wirtschaftsleistung bei ihrer Herstellung, ganz unabhängig davon, was sie anschließend anrichtet.
Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ist dabei nicht falsch. Sie beantwortet lediglich eine andere Frage.
Sie mißt wirtschaftliche Produktion.
Nicht Lebensqualität.
Nur haben wir uns angewöhnt, so zu tun, als seien beide Größen weitgehend identisch.
Der Fischer muß endlich Verantwortung übernehmen
Stellen wir uns vor, der Fischer aus Bölls Geschichte lebte heute.
Er hätte sein Boot, sein Auskommen und seinen sonnigen Nachmittag.
Der Unternehmensberater würde ihm erklären, daß dies angesichts der geopolitischen Lage nicht mehr zeitgemäß sei.
Er müsse investieren. Skalieren. Resilienz schaffen. Seine Lieferketten diversifizieren. Die Produktivität steigern.
Und wenn der Fischmarkt gesättigt sei?
Dann müsse er eben in die Verteidigungsindustrie diversifizieren.
Schließlich könne man nicht einfach mittags in der Sonne liegen, während die deutsche Wirtschaft dringend Wachstum benötige.
Vielleicht würde man ihm sogar staatliche Fördermittel anbieten.
Für den Aufbau einer mittelständischen Munitionsfertigung.
Nach dreißig Jahren könnte er sich dann eine Yacht kaufen.
Vorausgesetzt, er hätte noch Zeit, sie zu benutzen.
Die falsche Zielfunktion
Vielleicht sollten wir uns endlich eine Frage stellen, die in den wirtschaftspolitischen Sonntagsreden erstaunlich selten vorkommt:
Wozu eigentlich das Ganze?
Wir haben Maschinen erfunden, um weniger arbeiten zu müssen. Wir haben Produktionsverfahren perfektioniert, damit Güter billiger und besser werden. Wir haben Wohlstand geschaffen, damit Menschen ein angenehmeres, gesünderes, freieres und längeres Leben führen können.
Und jetzt stehen wir vor dem Problem, daß wir von vielen Dingen bereits genug haben.
Eigentlich ein phantastischer Erfolg.
Nur behandeln wir ihn wie eine Krise.
Statt zu fragen, wie wir mit dem vorhandenen Wohlstand möglichst gut leben können, fragen wir, wie wir die Produktion weiter steigern.
Und wenn die Menschen keine zusätzlichen Kühlschränke brauchen, finden sich eben andere Abnehmer für unsere Industrieprodukte.
Notfalls Staaten im Krieg.
Das bedeutet nicht, daß Waffenlieferungen grundsätzlich falsch sind. Es bedeutet, daß ihr wirtschaftlicher Beitrag kein Maßstab für ihren menschlichen Wert sein kann.
Eine Gesellschaft, in der die Menschen gesund, sicher, frei und zufrieden leben, ist nicht deshalb gescheitert, weil sie nur noch ein Prozent wächst.
Und eine Gesellschaft, deren Industrie auf Hochtouren Munition produziert, ist nicht deshalb erfolgreich, weil sie zwei Prozent schafft.
Die eigentliche wirtschaftspolitische Aufgabe besteht nicht darin, möglichst viel Zeug herzustellen. Sondern darin, möglichst viel Lebensqualität mit möglichst wenig notwendigem Aufwand zu ermöglichen.
Dafür braucht es manchmal mehr Produktion.
Manchmal bessere Produktion.
Und manchmal einfach weniger.
Der Fischer hatte das verstanden.
Der Unternehmensberater nicht.
Und der junge Soldat im Schützengraben hätte vermutlich nichts dagegen, wenn wir es endlich auch verstünden.
