München – Und dann stellt man fest: Es gibt nichts Besseres mehr

Und dann stellt man fest: Es gibt nichts Besseres mehr

Von Dr. Christoph von Gamm, 30. September 2026

Es gibt Erkenntnisse, die erfreuen einen.

Und es gibt Erkenntnisse, die zunächst erfreulich klingen und einen fünf Minuten später erschrecken.

München gehört wirtschaftlich zur europäischen Spitze.

Hurra.

Das Problem beginnt, wenn man sich fragt:

Wer ist eigentlich noch davor?

Früher war das einfach.

London natürlich. London war Weltstadt. The City. Canary Wharf. Banken, Versicherungen, Investmenthäuser, internationale Headquarters. Man stieg in Heathrow aus und wusste schon beim Blick auf die Taxischlange: Hier spielt das Geld in einer anderen Liga.

Paris sowieso. Eine Metropole, gegen die München wie ein etwas überdimensioniertes Millionendorf wirkte. Weltkonzerne, Luxusindustrie, Banken, Medien, Politik, Kultur, Grandes Écoles und ein Zentralstaat, der seit Ludwig XIV. praktisch alles Relevante des Landes an einem Ort zusammengetragen hatte.

Und München?

BMW. Siemens. Ein paar Versicherungen. Bier. Oktoberfest. Weißwurst. Ganz ordentlich.

Nur ist inzwischen etwas Merkwürdiges passiert.

Man schaut nach London.

Man schaut nach Paris.

Man schaut nach Amsterdam, Mailand, Madrid, Stockholm, Wien.

Und irgendwann kommt dieser unangenehme Moment, in dem man merkt:

Da kommt nicht mehr viel.

Natürlich muss man bei internationalen BIP-Vergleichen aufpassen. Stadtgrenzen sind unterschiedlich, Metropolregionen erst recht, Wechselkurse verzerren, Kaufkraft verändert das Bild. Dublin ist aufgrund der dort verbuchten multinationalen Unternehmensgewinne ohnehin eine statistische Parallelwelt, Luxemburg ein Sonderfall mit einem halben Land als täglichem Pendlerparkplatz.

Aber ganz gleich, wie man vernünftig schneidet: München spielt bei Wirtschaftsleistung und Produktivität inzwischen ganz vorne in Europa.

Das müsste einen Münchner eigentlich freuen.

Mich beunruhigt es.

Denn München sieht schließlich nicht aus wie die Hauptstadt des europäischen Wirtschaftswunders.

Und das ist keine Frage des Stadtbildes oder der Befindlichkeit.

Es ist der Kern der Sache.

Man fährt morgens über den Mittleren Ring und steht im Stau.

Man möchte mit der S-Bahn zum Flughafen und sollte vorsichtshalber einen zeitlichen Sicherheitsabstand einplanen, mit dem andere Menschen einen innereuropäischen Anschlussflug buchen.

Eine zweite Stammstrecke wird mit einer Hingabe gebaut, mit der frühere Zivilisationen Kathedralen errichteten – nur dass Kathedralen gelegentlich innerhalb eines Menschenlebens fertig wurden.

Wer eine Wohnung sucht, benötigt entweder ein sehr gutes Einkommen, ererbtes Vermögen oder die Fähigkeit, auf 37 Quadratmetern gleichzeitig zu schlafen, zu arbeiten und Gäste zu empfangen.

Wer bauen möchte, lernt Behörden kennen, von deren Existenz er vorher nichts wusste.

Die Verwaltung hält Kommunikationsformen am Leben, die im Deutschen Museum eigentlich besser aufgehoben wären.

Glasfaser, Mobilfunk, Verkehrsinfrastruktur, Digitalisierung, Genehmigungen: Nichts davon vermittelt einem das Gefühl, sich im Maschinenraum der produktivsten Wirtschaftsregionen der Welt zu befinden.

Und trotzdem wird hier produziert.

Trotzdem werden hier Unternehmen gegründet.

Trotzdem werden hier Patente angemeldet, Software geschrieben, Autos entwickelt, Versicherungsrisiken kalkuliert, Halbleiter entworfen und Milliarden umgesetzt.

Nicht wegen der Reibung. Trotz der Reibung.

Das ist der entscheidende Unterschied.

Denn normalerweise würde man erwarten, dass eine der wirtschaftlich stärksten Regionen Europas auch eine Infrastruktur besitzt, die dieser Liga entspricht.

Dass der Zug funktioniert.

Dass Wohnungen gebaut werden können.

Dass Genehmigungen zügig erfolgen.

Dass Verwaltung digital funktioniert.

Dass Verkehrswege mit dem Wachstum einer Region Schritt halten.

Kurz: dass der öffentliche Unterbau die Produktivität des privaten Sektors ermöglicht.

In München entsteht zunehmend der gegenteilige Eindruck.

Der private Sektor zieht den öffentlichen Unterbau hinter sich her.

Vorne BMW, Siemens, Allianz, Munich Re, Infineon, Technologieunternehmen, Mittelstand, Universitäten, Forschung und hochqualifizierte Arbeitnehmer.

Hinten hängt ein schwerer Anhänger.

Infrastruktur.

Bürokratie.

Wohnungsmarkt.

Genehmigungsverfahren.

Verkehr.

Digitalisierung.

Und vorne gibt man mehr Gas, damit das ganze Gespann trotzdem noch den Berg hochkommt.

Das ist beeindruckend.

Aber es ist keine Erfolgsgeschichte über einen hervorragend funktionierenden Standort.

Es ist eine Erfolgsgeschichte über die enorme Leistungsfähigkeit derjenigen, die an diesem Standort arbeiten.

Man müsste sich deshalb einmal die Gegenfrage stellen:

Wie produktiv wäre München eigentlich, wenn München funktionieren würde?

Wenn ein Ingenieur nicht einen Vormittag mit Verwaltung verbrächte.

Wenn ein Unternehmen nicht Monate auf eine Genehmigung wartete.

Wenn ein hochqualifizierter Mitarbeiter nicht feststellen müsste, dass von seinem sehr guten Bruttogehalt nach Steuern und Wohnkosten ein Lebensstandard übrig bleibt, für den er nicht zwingend aus Boston, Zürich oder Singapur hierherziehen möchte.

Wenn Verkehrsinfrastruktur nicht mit zwanzig Jahren Verzögerung auf ein Wachstum reagierte, das längst stattgefunden hat.

Wenn Digitalisierung kein politisches Projekt mehr wäre, sondern schlicht vorhanden.

Vielleicht ist gerade deshalb die Münchner Wirtschaftsleistung so interessant.

Sie zeigt, was diese Region kann.

Und gleichzeitig zeigt sie, was Deutschland aus ihr macht.

Nun könnte man sagen: Na gut. München funktioniert eben schlecht, ist aber trotzdem reich.

Nur wird es an dieser Stelle erst wirklich unangenehm.

Denn dann schaut man nach London.

Nach Paris.

Nach Mailand.

Nach Wien.

Nach Amsterdam.

Und stellt fest:

Die sind teilweise trotzdem nicht stärker.

Das ist der Moment, an dem aus einer Münchner Erfolgsgeschichte eine europäische Diagnose wird.

Denn wenn eine Stadt mit überlasteter Infrastruktur, grotesken Immobilienpreisen, jahrzehntelangen Bauprojekten, schwerfälliger Verwaltung und erheblichen Standortkosten zur wirtschaftlichen Spitzengruppe eines Kontinents gehört, gibt es zwei mögliche Erklärungen.

Entweder München ist eine sensationell organisierte Hochleistungsmaschine.

Oder das Teilnehmerfeld hat ein Problem.

Wer gelegentlich die Münchner S-Bahn benutzt, kann Möglichkeit eins relativ schnell ausschließen.

Natürlich besitzt München eine ungewöhnlich starke wirtschaftliche Struktur.

BMW. Siemens. Allianz. Munich Re. Infineon. Dazu Technologie, Halbleiter, Luft- und Raumfahrt, Software, Biotechnologie, Medien, Unternehmensberatung, Hochschulen, Forschungsinstitute und ein gewaltiger industrieller Mittelstand im Umland.

Vor allem aber lebt München nicht von einem einzigen Geschäftsmodell.

Es produziert tatsächlich Dinge.

Autos. Elektronik. Software. Maschinen. Versicherungen. Patente. Forschung. Ingenieurleistungen.

Das ist eine enorme Stärke.

Aber gerade deshalb sollte man Ursache und Wirkung nicht verwechseln.

München ist nicht reich, weil seine öffentlichen Strukturen so hervorragend funktionieren.

Es ist reich, weil seine wirtschaftliche Basis stark genug ist, sich ihre Ineffizienzen bislang leisten zu können.

Noch.

Und damit bekommt auch der Vergleich mit Europas anderen Metropolen einen unangenehmen Beigeschmack.

London ist weiterhin eine Weltstadt und einer der wichtigsten Finanzplätze der Erde. Paris bleibt eine der bedeutendsten Unternehmens- und Kulturmetropolen der Welt. Amsterdam, Stockholm und Kopenhagen sind in vielem moderner organisiert als München.

Aber der Moment, in dem man sagt:

Da ist sie. Die eindeutig nächste wirtschaftliche Liga.

– der kommt erstaunlich selten.

Bis irgendwann Zürich auftaucht.

Gut.

Zürich.

Hohe Produktivität, hohe Einkommen, internationaler Finanzplatz, starke Unternehmen, hervorragende Forschung, vergleichsweise funktionierende Infrastruktur.

Zürich kann man gelten lassen.

Und dann?

Dann wird es bemerkenswert still.

Das ist der Punkt, der mich an der ganzen Sache nicht stolz, sondern nervös macht.

München ist nicht Usain Bolt geworden.

Die anderen Läufer sind langsamer geworden.

Stellen Sie sich einen Firmenlauf vor.

Sie sind Mitte fünfzig. Das Knie zwickt ein bisschen. Die Schuhe sind nicht mehr die neuesten. Bei Kilometer sieben müssen Sie kurz stehenbleiben, weil Sie noch ein Formular in dreifacher Ausfertigung unterschreiben sollen. Bei Kilometer acht fällt die S-Bahn aus. Bei Kilometer neun erklärt Ihnen jemand, dass für die letzten tausend Meter zunächst ein Planfeststellungsverfahren erforderlich ist.

Irgendwie kommen Sie trotzdem ins Ziel.

Völlig außer Atem.

Sie denken:

Katastrophe.

Dann schauen Sie auf die Ergebnisliste.

Zweiter Platz.

Die erste Reaktion ist Stolz.

Die zweite lautet:

Um Gottes willen. Wie sehen denn die anderen aus?

Und genau darin steckt Europas Problem.

Wir diskutieren darüber, ob München zwei Prozent produktiver ist als irgendeine andere Region, ob Paris aufgeholt hat oder London nachgelassen hat.

Dabei wäre die viel wichtigere Frage:

Wie gut ist eigentlich noch die Liga, in der wir gerade Zweiter geworden sind?

Denn sobald der Vergleichsmaßstab San Francisco, Boston, Seattle, Singapur, Shenzhen oder Seoul heißt, verändert sich die Perspektive.

Plötzlich geht es nicht mehr darum, wer innerhalb Europas vorne liegt.

Sondern darum, ob Europas Spitzengruppe international noch den Maßstab setzt.

Münchens Position ist deshalb kein Grund für Selbstzufriedenheit.

Sie ist beinahe das Gegenteil.

Denn die Stadt demonstriert unfreiwillig, wie viel wirtschaftliche Leistung in Europa noch vorhanden ist – und wie viel Reibung wir bereit sind, dieser Leistung aufzubürden.

Der private Motor läuft.

Er läuft sogar erstaunlich gut.

Aber statt ihm eine bessere Straße zu bauen, hängen wir immer neue Anhänger daran.

Noch zieht er sie.

Noch.

Und deshalb ist der vielleicht beunruhigendste Satz über München heute nicht:

München gehört zu den wirtschaftlich stärksten Metropolen Europas.

Sondern:

München gehört trotz alledem zu den wirtschaftlich stärksten Metropolen Europas.

Wenn das Champions League ist, sollten wir uns nicht zu lange über den Tabellenplatz freuen.

Wir sollten uns den Rasen ansehen.

Das Stadion.

Die Mitspieler.

Und vor allem die Konkurrenz außerhalb Europas.

Denn vielleicht ist München gar nicht plötzlich Weltklasse geworden.

Vielleicht ist nur die Liga schwächer geworden.

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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