München leuchtet. Der OB löscht

München leuchtet. Der OB löscht

von Christoph v. Gamm, 27.07.2026

 

Vor einem Jahr habe ich geschrieben: München ist die Stadt des Lichts. Epizentrum von Wohlstand, Macht und Dauerorgasmus. Champagner und Weißbier aus der Zapfanlage. Tauben mit Aktienoptionen. Autos, Panzer, Biotech, Nobelpreise, Grundstückspreise, die den Rest der Republik wie eine abgewirtschaftete Kleingartenkolonie aussehen lassen. Champions League. Der Rest Kreisklasse. Damals war das eine Liebeserklärung.

 

Heute versucht der Oberbürgermeister, die Sonne mit einem Feuerlöscher zu löschen. Man könnte lachen, wenn er nicht tatsächlich an den Schaltern säße. Da steht der vernagelte Fischbrunnen. Nicht weil irgendjemand ernsthaft glaubt, dadurch würde nennenswert Wasser gespart. 0,19 Prozent? Vielleicht. Wahrscheinlich weniger. Aber Symbolpolitik rechnet bekanntlich nicht in Litern, sondern in Pressefotos. Die einzigen Tropfen, die dabei zuverlässig fließen, sind die Tränen der Symbolpolitiker. Nein. Der Brunnen wird zugenagelt, weil man ein Foto braucht. Weil man Haltung zeigen muß. Weil man dem Volk beweisen will, daß man „handelt“. Das ist die neue Münchner Variante von Politik: Man löst keine Probleme. Man nagelt sie zu und stellt sich davor, bis die Kameras da sind.

 

Dann das Oktoberfest. Früher Aushängeschild. Weltmarke. Umsatzmaschine. Arbeitsplatzgarantie. Internationale Werbung, für die andere Städte ihre Erstgeborenen opfern würden. Hier wird es behandelt wie eine Mischung aus Umweltverbrechen, Verkehrschaos und moralischem Versagen. Man redet es schlecht, bis selbst die Wiesn-Wirte anfangen, sich zu entschuldigen, daß sie überhaupt noch existieren. Es ist diese erstaunliche Begabung, Erfolg so lange zu demütigen, bis er endlich kleinlaut „Entschuldigung“ murmelt. U

 

nd der Verkehr. Eine beachtliche Leistung: Menschen, die früher in zwanzig Minuten im Biergarten saßen, jetzt vierzig Minuten im Stau stehen zu lassen – und das anschließend als Fortschritt zu verkaufen. Lebenszeit vernichtet. Nerven vernichtet. Produktivität vernichtet. Aber das Auto ist langsamer. Die Stadt ist „nachhaltiger“. Die Leute kommen nicht mehr an. Die Leute kommen nicht mehr an. Aber moralisch sind sie jetzt auf der Überholspur. Sie zeigen Haltung. Im Stau. Mit leerem Tank und vollem schlechten Gewissen.

 

Und dann das neueste Märchen aus dem Rathaus: 50.000 Wohnungen. Aus untauglichen Gewerbeimmobilien. Einfach so. Hokuspokus. Der OB hebt die Hand, murmelt „Umwidmung“, und so entstehen aus Büroleichen, die niemand mehr will, aus leerstehenden Läden und aus Gebäuden, die weder Grundriß noch Statik noch Licht noch Luft für Menschen geeignet sind, plötzlich Tausende gemütliche Wohnungen. Mit Balkon. Mit Kinderwagenstellplatz. Mit bezahlbarer Miete. Natürlich. Ganz gwiss. Man muß sich das einmal vorstellen: Dieselbe Stadtverwaltung, die es nicht schafft, ein einfaches Bauprojekt in unter zehn Jahren durch die Genehmigungsmühle zu quetschen, will jetzt im Handstreich Gewerbeimmobilien in Wohnraum verwandeln. Als wäre das eine Frage des guten Willens und nicht eine Frage von Brandschutz, Schallschutz, Deckenhöhen, Aufzügen, Abwasser, Stellplätzen und dem kleinen Detail, daß die meisten dieser Gebäude für Menschen zum Wohnen ungefähr so geeignet sind wie ein Parkhaus für eine Hochzeitsfeier. Das ist keine Wohnungspolitik. Das ist politische Märchenstunde. Man verspricht Zahlen, die klingen, als hätte man sie sich um drei Uhr nachts bei der dritten Maß ausgedacht. 50.000. Klingt groß. Klingt entschlossen. Klingt nach „Wir handeln“.

 

In Wahrheit ist es die klassische Münchner Variante: Man verkündet das Unmögliche, läßt die Presse abdrucken, und wenn in fünf Jahren nichts da ist, war es eben „komplex“. Oder die Investoren waren schuld. Oder der Bund. Oder das Wetter. In München dauert inzwischen der Umbau einer Bushaltestelle ungefähr so lange wie früher der Bau eines ganzen Stadtviertels. Aber ausgerechnet 50.000 Wohnungen sollen plötzlich im politischen Schnellkochtopf gar werden. Währenddessen bleiben die echten Probleme unberührt: Zu wenig gebaut. Zu teuer gebaut. Zu lange Genehmigungszeiten. Zu viele Vorschriften.

 

Und ein Rathaus, das lieber Symbolpolitik betreibt, als den Mut aufzubringen, einfach mal bauen zu lassen. Das ist die eigentliche Leistung dieses Oberbürgermeisters: Er hat es geschafft, aus einer der erfolgreichsten Städte Europas eine Dauerbelehrungsanstalt zu machen. Wer feiert, verbraucht. Wer fährt, sündigt. Wer baut, versiegelt. Wer verdient, muß sich rechtfertigen. Wer Erfolg hat, steht unter Generalverdacht.

 

Und wer Wohnungen will, bekommt Märchen. Aus der Stadt des Lichts wird die Hauptstadt der Bußpredigt und der Luftschlösser. München war nie deshalb groß, weil hier Verzicht gepredigt und Märchen erzählt wurden. München war groß, weil hier Menschen gegründet, gebaut, geforscht, investiert und gefeiert haben. Weil Optimismus ansteckend war. Weil man sich etwas zugetraut hat. Weil man nicht jeden Morgen erst einmal prüfte, ob man sich überhaupt noch trauen darf, glücklich zu sein – oder ob man vielleicht doch lieber in einem umgewidmeten Bürotrakt mit Blick auf den Innenhof wohnen sollte.

 

Heute scheint das höchste politische Ziel zu sein, allen ein schlechtes Gewissen einzureden und gleichzeitig Zahlen in den Raum zu stellen, die niemand ernsthaft glaubt. Der Fischbrunnen ist vernagelt. Das Oktoberfest wird madig gemacht. Der Verkehr wird zur Strafexpedition. Und die Wohnungsnot wird mit Märchen bekämpft. Es ist nicht. Es ist nur klein. Es ist nur ängstlich. Es ist nur die politische Version von jemandem, der hochkomfortabel lebt und trotzdem dauernd die Jalousien runterläßt, weil ihn das Licht der anderen stört – und der dann noch behauptet, er baue gerade 50.000 neue Wohnungen aus alten Garagen.

 

München braucht keinen Oberbürgermeister, der den Dimmer sucht und Märchen erzählt. München braucht keinen, der seine seelischen Engpässe zur Stadtpolitik erklärt. München braucht keinen, der Erfolg für peinlich hält und Wohnungsbau für eine Frage des richtigen Zauberworts. Man muß München nicht zerstören. Es genügt, wenn man den Menschen jeden Tag erzählt, daß ihr Erfolg eigentlich ein Problem ist. München war einmal die Stadt des Lichts. Heute wirkt sie, als hätte jemand beschlossen, die Sonne wegen Überhitzung abzuschalten.

 

Nicht weil es notwendig wäre. Sondern weil man sich daran gewöhnt hat, Verzicht für Tugend und schlechte Stimmung für Regierungskunst zu halten. München braucht einen anderen Bürgermeister. Einer, der weiß, wie Erfolg geht. Bevor der die letzte Glühbirne auch noch ausschraubt und dann behauptet, er habe daraus 50.000 Wohnungen gemacht.

 

 

PS: Während dieser Text entstand, hat es in München aus Kübeln geregnet. Der Fischbrunnen blieb vorsorglich trotzdem vernagelt. Man weiß ja nie.

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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