MEINEN BUNKER KRIEGT IHR NED!

MEINEN BUNKER KRIEGT IHR NED!

Ein Abend bei der deutschen Zeitenwende

Von Dr. Christoph von Gamm, 2. Oktober 2026

Mein Soziometer war gestern Abend am Anschlag.

Das kommt vor. Andere Menschen haben einen Blutzuckerspiegel, ich habe ein Soziometer. Es mißt die noch vorhandene Fähigkeit, einer gesellschaftlichen Veranstaltung beizuwohnen, ohne irgendwann „Ach kommt, hört doch auf“ zu sagen.

Gestern war es kurz vor rot.

Ich war beim Sicherheitspolitischen Forum 2026 des Reservistenverbandes im Münchner Literaturhaus am Salvatorplatz. Thema:

„Aufwuchs der Reserve – Infrastruktur, Stationierung und Heimatschutz im Kontext der Zeitenwende.“

Das Podium war hochkarätig besetzt: Generalmajor, Brigadegeneral, Bundestagsabgeordneter, Reservistenverband. Rund 90 Menschen saßen im Saal, knapp 250 schauten zeitweise im Livestream zu.

Es ging also um Krieg.

Natürlich sagte niemand Krieg.

Man sagte „Zeitenwende“.

„Aufwuchs“.

„Resilienz“.

„Heimatschutz“.

„Infrastruktur“.

„Stationierung“.

Krieg ist in Deutschland offenbar erst dann zulässig, wenn er vorher eine PowerPoint-Präsentation bekommen hat.

Der Russe kommt. Voraussichtlich nach Abschluß des Vergabeverfahrens

Die Botschaft des Abends war schnell verstanden.

Die Lage ist ernst.

Der Feind ist böse.

Der Feind ist nahe.

Wir müssen vorbereitet sein.

Deshalb brauchen wir mehr Reservisten. Mehr Kasernen. Mehr Infrastruktur. Mehr Heimatschutz. Mehr Zivilschutz. Mehr Sirenen. Mehr von eigentlich allem, was wir nach dem Kalten Krieg drei Jahrzehnte lang abgeschafft haben.

Die Bundesregierung will die Bundeswehr bis Mitte der Dreißigerjahre auf mindestens 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten bringen.

Das klingt gewaltig.

Bis man fragt, wann.

Mitte der Dreißigerjahre.

Der Russe steht also praktisch vor der Tür.

Wir öffnen voraussichtlich 2035.

Bis dahin bitten wir um Verständnis wegen Umbaumaßnahmen.

Besonders hübsch ist die Musterung.

Seit 2026 werden die Strukturen dafür wieder aufgebaut. Die verpflichtende Musterung aller Männer des Geburtsjahrgangs 2008 soll ab Juli 2027 funktionieren. Dafür entstehen 24 Musterungszentren. Die Bundeswehr erklärt selbst, daß die dafür notwendigen Kapazitäten gerade erst geschaffen werden.

Das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Wir befinden uns angeblich in der gefährlichsten sicherheitspolitischen Situation seit Jahrzehnten.

Der potentielle Gegner rüstet.

Europa muß verteidigungsfähig werden.

Deutschland muß kriegstüchtig werden.

Aber bevor wir herausfinden können, welcher 18jährige geradeaus laufen kann, brauchen wir noch ein Jahr.

Der Russe möge bitte vorher einen Termin vereinbaren.

Psst! Geheim!

Besonders schön wurde es, als Zahlen genannt wurden.

Die Reserve in Bayern soll kräftig wachsen. Von ungefähr 5.000 auf ungefähr 15.000, hieß es sinngemäß.

Aber psst.

Geheim.

Nun saßen wir zwar in einer öffentlichen Veranstaltung mitten in München.

Mit Publikum.

Und Livestream auf YouTube.

Aber geheim ist geheim.

Vielleicht funktioniert moderne militärische Geheimhaltung inzwischen so:

VS – NUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH UND YOUTUBE.

Der Feind darf alles wissen.

Er muß nur den Kanal abonnieren.

Catweazle will dienen

Dann kam die Fragerunde.

Und dort stand er plötzlich auf.

Etwa siebzig Jahre alt. Informatiker. Bart. Haare. Ein bißchen Catweazle, nur mit IT-Hintergrund.

Er beschwerte sich darüber, daß er wegen seines Alters nicht mehr berücksichtigt werde.

Er könne schließlich etwas.

Man brauche doch Leute.

Er wolle gebraucht werden.

Und das ist grundsätzlich sogar ein vernünftiger Gedanke. Eine Armee braucht nicht nur 22jährige mit Sturmgewehr. Sie braucht Informatiker, Techniker, Logistiker, Ausbilder, Ingenieure und Menschen, die schon einmal einen Server gesehen haben, bevor darauf SAP installiert wurde.

Aber für unseren Catweazle fand sich offenbar momentan keine rechte Verwendung.

Ein General tröstete ihn sinngemäß:

Im Bedarfsfall könne sich das bestimmt ändern.

Herrlich.

Im Frieden zu alt.

Im Krieg plötzlich Nachwuchskraft.

Mit 70 unvermittelbar, mit 72 kriegswichtig.

Der demographische Wandel bekommt endlich eine militärische Perspektive.

Man sieht förmlich das Plakat vor sich:

DEUTSCHLAND BRAUCHT DICH!

Jahrgang egal. Hauptsache noch Puls.

Darunter:

Quereinsteiger willkommen.

Wir bauen jetzt Kasernen

Überhaupt die Kasernen.

Neue Standorte, neue Unterkünfte, neue Infrastruktur.

Alles richtig.

Alles notwendig.

Nur ist eine Kaserne zunächst einmal ein Gebäude.

Eine Bundeswehr entsteht nicht dadurch, daß irgendwo ein Haus steht, auf dessen Schild „Bundeswehr“ steht.

Man braucht Soldaten.

Ausbilder.

Fahrzeuge.

Waffen.

Munition.

Funkgeräte.

Ersatzteile.

Sanität.

Logistik.

Führung.

Und irgendwann vielleicht sogar jemanden, der das alles regelmäßig gemeinsam übt.

Selbst das Verteidigungsministerium räumt ein, daß ein schneller Aufwuchs schon daran scheitert, daß zusätzliche Ausbilder und Unterbringungsmöglichkeiten fehlen. 40.000 oder 50.000 junge Menschen könne man derzeit gar nicht zusätzlich einstellen.

Das ist wenigstens ehrlich.

Der Unterschied zwischen 200.000 Reservisten auf einem Organigramm und 200.000 tatsächlich verwendbaren Reservisten ist ungefähr derselbe wie zwischen 200.000 Lufthansa-Passagieren und einer Luftwaffe.

Beide können fliegen.

Aber nur bei einem würde ich mich im Ernstfall darauf verlassen.

Wo genau findet dieser Krieg eigentlich statt?

Eine Frage blieb den ganzen Abend merkwürdig blaß:

Was genau sollen diese Reservisten eigentlich verteidigen – und gegen wen?

Die militärische Antwort auf den Heimatschutz ist durchaus vernünftig.

Deutschland ist im NATO-Verteidigungsfall rückwärtiger Raum. Häfen, Eisenbahnen, Brücken, Depots, Energieversorgung, Flugplätze und Truppentransporte müssen geschützt werden.

Alles richtig.

Aber wenn die Bedrohung wirklich so unmittelbar ist, wie die politische Rhetorik inzwischen klingt, dann muß man irgendwann auch über den geographischen Ort reden, an dem Abschreckung stattfindet.

Denn eine glaubwürdige Verteidigung des NATO-Gebiets beginnt nicht erst am Münchner Mittleren Ring.

Wenn der gefährdete Raum im Osten des Bündnisses liegt, dann wären Infrastruktur, Depots, Logistik und Kräfte dort von besonderer militärischer Bedeutung.

Białystok.

Suwałki.

Baltikum.

Ostpolen.

Von mir aus die Ostslowakei.

Dort wird es allerdings ungemütlich.

Oberstaufen klingt schöner.

Da gibt es Berge.

Kühe.

Käsespätzle.

Und nach Dienstschluß vielleicht Sauna.

So entsteht die deutsche Form der Abschreckung:

Der Russe soll wissen, daß hinter Kempten eine hervorragend sanierte Reservistenunterkunft auf ihn wartet.

Dann kamen die Sirenen

Natürlich kam auch der Zivilschutz zur Sprache.

München bekommt wieder Sirenen.

Das ist grundsätzlich keine schlechte Idee.

Eine Stadt, die ihre Bevölkerung bei Katastrophen warnen kann, ist einer Stadt überlegen, die im Ernstfall eine Push-Nachricht verschickt, deren App gerade ein Update braucht.

Aber damit nicht genug.

Auch digitale Werbeflächen könnten Hinweise anzeigen.

Wo muß man hin?

Wo gibt es Schutz?

Wo ist der nächste sichere Ort?

Das Problem ist nur:

Es gibt nicht besonders viele sichere Orte.

Deutschland verfügte einmal über ein großes Schutzraumkonzept. Dann kam der Frieden, und irgendwann fand man Bunker ungefähr so zeitgemäß wie Telefonzellen.

Nun entdeckt man sie wieder.

Oder vielmehr:

Man entdeckt, daß man sie nicht mehr hat.

Also schaut man sich auch private Schutzmöglichkeiten an.

An dieser Stelle beugte ich mich zu meinem Nachbarn. Wir saßen ohnehin ganz hinten auf der Lästerbank.

Und ich sagte:

„MEINEN BUNKER KRIEGT IHR NED!“

Er grinste.

Vielleicht etwas zu begeistert.

Denn hier erreicht die Zeitenwende ihre vollkommenste deutsche Form.

Der Staat hat seine Bunker abgeschafft.

Der Bürger soll vorsorgen.

Und wenn der Bürger vorgesorgt hat, entdeckt der Staat womöglich den Bürger.

Das wäre zumindest eine wunderbar deutsche Kreislaufwirtschaft.

Bitte folgen Sie im Atomkrieg den Werbetafeln

Die Vorstellung mit den digitalen Plakatflächen gefällt mir ohnehin außerordentlich.

Stellen wir uns den Ernstfall vor.

Stromversorgung gestört.

Mobilfunk überlastet.

Cyberangriff.

Raketenalarm.

Aber irgendwo am Stachus leuchtet tapfer eine digitale Werbetafel:

SCHUTZRAUM → 850 METER

Darunter vielleicht noch:

Sponsored by Ströer.

Und falls das Display funktioniert, der Bunker existiert, die Tür aufgeht und der Weg dorthin nicht gesperrt ist, hat die Zeitenwende ihr Soll erfüllt.

Vielleicht bekommt man vorher noch Werbung.

„Sie suchen Schutz vor ballistischen Flugkörpern?
Kunden, die diesen Bunker besuchten, interessierten sich auch für …“

Deutsche Digitalisierung.

Jetzt endlich kriegsentscheidend.

Heimatschutz gegen wen eigentlich?

An dieser Stelle stolperte ich über ein Wort, das an diesem Abend ausgesprochen friedlich klang.

Heimatschutz.

Das klingt nach Sandsäcken an der Isar. Nach Schneekatastrophe. Nach einem Reservisten, der einer alten Dame über eine überflutete Straße hilft.

Und tatsächlich gehört all das dazu.

Nur ist Heimatschutz eben militärischer Heimatschutz.

Die Bundeswehr schreibt selbst, ihre Heimatschützer würden in Deutschland „helfen und kämpfen“. Sie sollen Häfen, Flughäfen, Bahnlinien, Brücken, Energieanlagen und digitale Netze schützen, alliierte Truppenbewegungen sichern und im Krisenfall im eigenen Land eingesetzt werden.

Und dann gibt es da noch das Grundgesetz.

Auch das kennt nämlich einen militärischen Einsatz im Inneren. Unter sehr engen Voraussetzungen, gewiß. Innerer Notstand. Artikel 87a. Das ist keine Generalklausel zum Einsatz der Bundeswehr gegen Demonstranten und schon gar nicht der normale Auftrag der Heimatschutzdivision.

Aber die Möglichkeit existiert.

Und plötzlich bekommt das gemütliche Wort Heimatschutz einen etwas anderen Klang.

Denn wenn die Bundeswehr in Deutschland kämpfen soll, darf man doch einmal die geradezu ungehörige Frage stellen:

Gegen wen?

Gegen russische Fallschirmjäger am Münchner Hauptbahnhof?

Gegen Saboteure am Umspannwerk?

Gegen Terroristen?

Gegen bewaffnete Aufständische?

Gegen wen genau richtet sich eigentlich die Waffe des Heimatschützers, wenn der Heimatschützer zu Hause bleibt?

Interessanterweise besitzt die Bundeswehr bereits eine Stadt, in der man ziemlich unangenehme Dinge üben kann.

Sie heißt Schnöggersburg.

Über 500 Gebäude.

Altstadt.

Neustadt.

Hochhäuser.

Industriegebiet.

Bahnhof.

Flughafen.

U-Bahn.

Kanalisation.

Sogar ein Elendsviertel wurde nicht vergessen. Deutsche Gründlichkeit endet schließlich nicht dort, wo die Apokalypse beginnt.

Dort trainiert die Bundeswehr urbane Operationen.

Häuserkampf. Gefährder zwischen Zivilisten. Zugriff. Abriegelung. Bewegungen durch Gebäude und Kanalisation. Bei einer Feldjägerübung wurden drei Straftäter in einem Gebäude aufgespürt; Zugriffskräfte riegelten das Gebäude ab, eine Zielperson wurde durch einen Schuß gestoppt, eine andere vom Diensthund in der Kanalisation gestellt.

Das alles ist militärisch erklärbar.

Eine moderne Armee muß im urbanen Gelände kämpfen können. Der nächste Krieg wird sich schließlich kaum höflich auf der Lüneburger Heide einfinden.

Nur sollte man deshalb vielleicht etwas genauer zuhören, wenn ausgerechnet gleichzeitig überall das Wort Heimatschutz auftaucht.

Denn da sitzen wir im Literaturhaus und hören, daß unsere Reservisten künftig vorzugsweise in ihrer Heimatregion eingesetzt werden.

Wir erfahren, daß kritische Infrastruktur geschützt werden muß.

Wir erfahren, daß die Bundeswehr im Inland resilienter werden muß.

Wir bauen Sirenen.

Wir suchen Schutzräume.

Wir bauen Kasernen.

Wir bauen Reserve auf.

Und 600 Kilometer weiter östlich besitzt die Bundeswehr bereits eine komplette künstliche Stadt, in der Soldaten lernen können, bewaffnete Gegner zwischen Häusern und Zivilisten zu bekämpfen.

Nein:

Das bedeutet nicht, daß die Bundeswehr heimlich den Aufstand der Münchner Gartenbesitzer probt.

Aber vielleicht wäre es trotzdem ganz interessant gewesen, wenn an diesem Abend einmal jemand die einfachste aller Fragen gestellt hätte:

Was genau ist eigentlich das Szenario?

Denn wer 15.000 Heimatschützer haben möchte, sollte irgendwann sagen können, vor wem sie die Heimat schützen sollen.

Vor dem Russen?

Vor Saboteuren?

Vor Terroristen?

Vor einem bewaffneten inneren Gegner?

Oder vor allem vor der unangenehmen Erkenntnis, daß „Heimatschutz“ so schön beruhigend klingt, solange niemand fragt, auf wen im Ernstfall geschossen werden soll?

Auf diese Frage gab es an diesem Abend keine Antwort.

Dafür bekommen wir Sirenen.

Das Sondervermögen muß weg

Und über allem schwebt das Geld.

Viel Geld.

Sehr viel Geld.

Verteidigungsausgaben.

Infrastruktur.

Kasernen.

Beschaffung.

Digitalisierung.

Zivilschutz.

Bauprogramme.

Beratung.

Planung.

Projektierung.

Die NATO-Ziele und die deutschen Aufwuchspläne bedeuten tatsächlich gewaltige zusätzliche Ressourcen.

Und Geld besitzt eine wunderbare Eigenschaft:

Sobald genug davon vorhanden ist, entstehen Menschen, die genau wissen, warum ausgerechnet ihr Projekt sicherheitsrelevant ist.

Das kennt man aus jeder großen staatlichen Transformation.

Erst gibt es ein Problem.

Dann gibt es Geld.

Dann gibt es Programme.

Dann gibt es Projektträger.

Dann gibt es Koordinierungsstellen.

Dann gibt es Workshops der Koordinierungsstellen mit den Projektträgern.

Und irgendwann fragt jemand:

Haben wir jetzt eigentlich mehr Verteidigungsfähigkeit?

Darauf folgt gewöhnlich eine PowerPoint-Folie mit 37 Pfeilen.

Vielleicht wäre Krieg einfach zu konkret

Das Verstörende an solchen Abenden ist deshalb nicht, daß dort dumme Menschen sitzen.

Im Gegenteil.

Da sitzen intelligente Menschen.

Offiziere, die ihr Handwerk verstehen.

Politiker, die sich mit der Materie beschäftigen.

Reservisten, die tatsächlich bereit wären, Zeit und Energie einzusetzen.

Verwaltungsleute, die Infrastruktur schaffen sollen.

Gerade deshalb fällt die Diskrepanz so auf.

Wenn man wirklich davon überzeugt ist, daß ein militärischer Konflikt mit Rußland eine konkrete Gefahr für Europa darstellt, dann müßte die Diskussion viel brutaler sein.

Wie viele Soldaten können wir heute mobilisieren?

Wie viele davon sind tatsächlich ausgebildet?

Wie viele Verbände sind vollständig ausgestattet?

Wie lange reichen die Bestände?

Welche Brücken tragen die Fahrzeuge?

Welche Bahnstrecken funktionieren?

Wie schnell kommen Truppen nach Osten?

Welche Infrastruktur fällt nach einem Cyberangriff aus?

Wer bewacht sie?

Wer ersetzt Ausfälle?

Wie viele Menschen können wir innerhalb von 30 Tagen ausbilden?

Nicht 2035.

Nächsten Dienstag.

Denn Kriege haben die unangenehme Eigenschaft, sich nicht an den parlamentarisch gebilligten Aufwuchspfad zu halten.

Und dann kam der alte Hund

Nach der Veranstaltung unterhielt ich mich noch mit einem älteren Herrn.

Schnauzbart.

Die Sorte Mann, bei der man vermutet, daß sie mindestens drei Bundeswehrreformen überlebt hat und deshalb gegenüber jeder vierten eine gewisse Gelassenheit entwickelt.

Wir sprachen über den Kalten Krieg.

Damals, meinte er, habe man uns immer erzählt, der Westen habe am Ende gewonnen, weil die Sowjetunion den Rüstungswettlauf wirtschaftlich nicht mehr habe tragen können.

Historisch ist das natürlich verkürzt. Die Sowjetunion zerbrach nicht an einem einzigen Faktor. Wirtschaftliche Stagnation, politische Verwerfungen, Nationalitätenkonflikte und Reformversuche gehörten ebenfalls dazu.

Aber als Pointe ist der Gedanke von bestechender Schönheit.

Vierzig Jahre später sitzen wir also wieder da.

Wir bauen Kasernen.

Wir bauen Musterungszentren.

Wir bauen Reserve.

Wir bauen Zivilschutz.

Wir bauen Sirenen.

Wir bauen Infrastruktur.

Wir planen Bunker.

Wir beschaffen Material.

Wir erhöhen Verteidigungsausgaben.

Wir schaffen Stellen.

Wir schaffen Behördenstrukturen.

Wir schaffen Programme.

Wir schaffen Sondertöpfe.

Und natürlich erklären wir uns gegenseitig, daß dies alles alternativlos sei, weil der Gegner sonst gewinnt.

Der alte Herr sah mich an.

Sinngemäß sagte er:

Früher hätten wir doch geglaubt, den Kalten Krieg auch deshalb gewonnen zu haben, weil wir die Sowjetunion dazu gebracht hätten, sich totzurüsten.

Kurze Pause.

Dann sahen wir uns um.

Und jetzt machen wir’s selber.

Mein Soziometer schlug noch einmal aus.

Dann gingen wir heim.

Das eigentliche Mißverständnis des Abends bestand darin, Menschen mit Kampfkraft zu verwechseln.

Ein Reservist ist noch keine Reserve. Eine Kaserne ist noch kein Verband. Ein Verband ist noch keine einsatzbereite Einheit. Eine einsatzbereite Einheit ist noch keine durchhaltefähige Streitkraft. Und fünfzehntausend Menschen werden nicht dadurch zu fünfzehntausend Soldaten, daß man ihre Namen in eine Excel-Tabelle schreibt und darüber „Aufwuchs“ setzt.

Viele kommen gern. Sie treffen Kameraden, tragen Uniform, hören Vorträge, fahren zu Übungen, erleben etwas, das interessanter ist als der nächste Mittwoch im Büro. Daran ist überhaupt nichts Verwerfliches. Vereine funktionieren seit zweihundert Jahren so.

Nur sollte man einen Verein nicht mit einer Armee verwechseln.

Denn Kampfkraft beginnt dort, wo der Spaß aufhört.

Sie beginnt um vier Uhr morgens. Bei Kälte. Ohne WLAN. Wenn einer fehlt. Wenn Material kaputtgeht. Wenn der Plan nicht funktioniert. Wenn geschossen wird. Wenn jemand verwundet wird. Wenn der Gegner seinerseits einen Plan hat. Und wenn man trotzdem den Auftrag erfüllen muß.

Dafür gibt es keine Teilnehmerurkunde.

Link zum YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=z2Ko5vtKTKw

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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