Schau halt wie Du klarkommst! Oder:  Wo ist eigentlich das Jungengymnasium?

Schau halt wie Du klarkommst!
Oder:  Wo ist eigentlich das Jungengymnasium?

Eine kleine Google-Maps-Reise durch die deutsche Gleichberechtigung

 

Dr. Christoph von Gamm, 1. September 2026

 

Manchmal beginnt eine gesellschaftspolitische Erkenntnis ganz banal bei ImmobilienScout.

Ich schaue nach Wohnungen in Haidhausen. Am Johannisplatz wird gerade etwas für sechs Schleifen plus Nebenkosten angeboten. Kann man machen. München eben. Vermutlich muss man für den Keller noch einen Bausparvertrag abschließen.

Also Google Maps auf, ein bisschen die Gegend scannen.

Und da sehe ich: Edith-Stein-Gymnasium.

Nie gehört.

Klick.

Erzbischöfliches Mädchengymnasium.

Aha.

Also suche ich weiter.

Und plötzlich entdecke ich eine kleine Parallelwelt der Münchner Bildungslandschaft: Edith-Stein-Gymnasium, Maria-Ward-Gymnasium, Sophie-Scholl-Gymnasium, Max-Josef-Stift, Theresia-Gerhardinger-Gymnasium am Anger und auch noch das Bertolt-Brecht-Gymnasium.

Sechs Gymnasien nur für Mädchen.

Und da stellt sich eine ausgesprochen einfache Frage:

Wo ist eigentlich das Jungengymnasium?

Ich suche.

Nichts.

Vielleicht habe ich es übersehen. Vielleicht versteckt es sich irgendwo zwischen dem Patriarchat und dem Gendersternchen.

Aber offenbar gibt es in München zwar eine erstaunlich ausgebaute Infrastruktur, um Mädchen unter sich zum Abitur zu führen – einschließlich eines staatlichen Mädchengymnasiums –, aber kein entsprechendes Gymnasium ausschließlich für Jungen.

Nun könnte man sagen: historisch gewachsen.

Stimmt.

Das Max-Josef-Stift wurde 1813 gegründet, als höhere Bildung für Mädchen tatsächlich alles andere als selbstverständlich war. Damals war eine besondere Förderung von Mädchen nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.

Nur haben wir inzwischen nicht mehr 1813.

Wir haben 2026.

Und die Bildungswirklichkeit hat sich ein kleines bisschen verändert.

Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind von den jungen Menschen mit Allgemeiner Hochschulreife 55 Prozent weiblich und nur 45 Prozent männlich.

Beim Ersten Schulabschluss dreht sich das Verhältnis um: 59 Prozent männlich, 41 Prozent weiblich.

Je höher der Bildungsabschluss, desto besser stehen Mädchen da.

Je weiter unten man schaut, desto mehr Jungen findet man.

Das nennt das Statistische Bundesamt inzwischen sogar ganz unverdächtig den „Gender Education Gap“.

Man könnte also auf die verrückte Idee kommen, einmal darüber nachzudenken, ob vielleicht die Jungs ein Problem haben.

Keine Sorge.

So weit sind wir noch nicht.

Die Landeshauptstadt München wirbt stattdessen in ihrer aktuellen Schulbroschüre ausdrücklich für das „Bildungsangebot der Münchner Mädchenschulen“.

Begründung: Mädchenschulen stärkten das positive Selbstkonzept, ermöglichten ein speziell auf Mädchen zugeschnittenes didaktisch-methodisches Setting und könnten Mädchen insbesondere für Naturwissenschaften begeistern.

Das kann alles stimmen.

Aber jetzt wird es interessant.

Denn wenn es pädagogisch sinnvoll ist, Unterricht speziell auf ein Geschlecht zuzuschneiden, warum sollte das ausschließlich bei Mädchen funktionieren?

Haben Jungen kein Selbstkonzept?

Keine spezifischen Lernbedürfnisse?

Keine Pubertät?

Keine unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten?

Keine Probleme mit Konzentration, Motivation, Sprache oder schulischer Anpassung?

Offenbar nicht.

Der Junge ist im modernen Bildungssystem eine Art pädagogisches Universalbauteil.

Der braucht nichts.

Der läuft schon.

Und wenn er nicht läuft, bekommt er eben einen schlechteren Abschluss.

Das ist dann keine strukturelle Benachteiligung.

Das ist Statistik.

Man stelle sich nur einmal das umgekehrte München vor.

Sechs Jungengymnasien.

Kein einziges Mädchengymnasium.

Die Stadt veröffentlicht eine Broschüre darüber, wie wichtig es sei, das Selbstbewusstsein junger Männer zu stärken und ihre Potenziale „für die Gesellschaft zu aktivieren“.

Beim Jungengymnasium lernen die Schüler Physik endlich ungestört von Mädchen.

Das Kultusministerium erklärt, die Monoedukation ermögliche ein didaktisch-methodisches Setting speziell für die Kompetenzen von Jungen.

Und gleichzeitig machen Mädchen deutlich seltener Abitur.

Ich vermute, wir hätten bis zum Mittag eine Gleichstellungsbeauftragte vor der Kamera, bis 15 Uhr eine Aktuelle Stunde und abends einen Brennpunkt.

Völlig zu Recht übrigens.

Nur existiert die Sache eben andersherum.

Und deshalb ist sie offenbar normal.

Das eigentlich Spannende daran ist nicht einmal die Existenz der Mädchengymnasien. Die würde ich überhaupt nicht abschaffen.

Im Gegenteil.

Wenn Mädchen dort gerne hingehen, gute Leistungen erzielen und Eltern diese Schulform wünschen: wunderbar.

Baut meinetwegen noch eines.

Aber dann hört endlich mit der intellektuellen Verrenkung auf, so zu tun, als sei geschlechtsspezifische Förderung ein pädagogisches Hochamt, wenn sie Mädchen zugutekommt, und eine gesellschaftspolitische Geschmacklosigkeit, sobald jemand fragt, ob Jungen vielleicht ebenfalls davon profitieren könnten.

Denn das Problem reicht längst über Schulen hinaus.

Wir haben uns über Jahrzehnte eine Förderarchitektur gebaut, deren gedankliches Betriebssystem ungefähr aus dem Jahr 1985 stammt:

Mädchen müssen ermutigt werden.

Frauen müssen gefördert werden.

Männer kommen schon irgendwie zurecht.

Jungen sowieso.

Nur hat die Wirklichkeit irgendwann aufgehört, sich an dieses Drehbuch zu halten.

Junge Frauen sind im Bildungssystem heute außerordentlich erfolgreich.

Gut so.

Junge Männer fallen dagegen an entscheidenden Stellen zurück.

Nicht gut.

Eine Gesellschaft, die Gleichberechtigung ernst nimmt, müsste spätestens jetzt sagen:

Dann kümmern wir uns darum.

Stattdessen pflegen wir teilweise noch die Förderstrukturen der alten Ungleichheit, während wir die neue Ungleichheit betrachten wie einen Wasserfleck an der Decke:

Wird schon wieder trocknen.

Vielleicht sollten wir deshalb gar nicht fragen, warum München sechs Mädchengymnasien hat.

Die viel interessantere Frage lautet:

Warum kommt im Jahr 2026 niemand auf die Idee, eines für Jungen zu gründen?

Vielleicht würde es funktionieren.

Vielleicht auch nicht.

Man könnte es ausprobieren.

Man könnte wissenschaftlich untersuchen, welche Unterrichtsformen Jungen helfen.

Man könnte Sprachdefizite angehen, Lesekompetenz fördern, männliche Lehrer gewinnen, Bewegungsdrang stärker berücksichtigen und Jungen dort abholen, wo sie tatsächlich stehen, statt dort, wo eine pädagogische Theorie gerne hätte, dass sie stehen.

Das wäre Gleichstellung.

Nicht Frauenförderung.

Nicht Männerförderung.

Sondern die ziemlich revolutionäre Idee, demjenigen zu helfen, der gerade Hilfe braucht.

Aber vermutlich bin ich da altmodisch.

Ich wollte schließlich ursprünglich nur wissen, warum eine Wohnung am Johannisplatz sechs Schleifen plus Nebenkosten kostet.

Jetzt weiß ich immerhin, dass man in Haidhausen nicht nur hervorragend wohnen kann.

Als Mädchen kann man dort sogar hervorragend unter sich Abitur machen.

Als Junge?

Schau halt, wie du klarkommst.

 

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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