Von der asymmetrischen Demobilisierung zur asymmetrischen Gegenmobilisierung
Wie Friedrich Merz Angela Merkels Erfolgsrezept auf den Kopf stellt
Dr. Christoph von Gamm, 28. August 2026
Angela Merkel hatte ein bemerkenswertes Talent: Sie gewann Wahlen, ohne ihre Gegner wirklich besiegen zu müssen. Es genügte ihr, deren Wähler davon zu überzeugen, dass es sich nicht lohnte, gegen sie anzutreten.
Das Prinzip bekam einen wunderbar technokratischen Namen: asymmetrische Demobilisierung.
Die Idee war ebenso einfach wie wirkungsvoll. Man vermied möglichst alles, was den politischen Gegner emotionalisieren konnte. Man übernahm Teile seiner Forderungen, entschärfte Konflikte und rückte programmatisch so weit in die Mitte, dass der Unterschied zwischen Regierung und Opposition zunehmend verschwamm.
Atomausstieg? Machen wir selbst.
Mindestlohn? Kann man darüber reden.
Frauenquote? Warum eigentlich nicht.
Mietpreisbremse? Nehmen wir auch.
Das Kalkül dahinter wurde schon bei der Bundestagswahl 2013 ziemlich präzise beschrieben: Die Union sicherte ihre eigene ökonomisch-bürgerliche Mehrheit und schwächte gleichzeitig SPD und Grüne, indem sie deren sozial- und gesellschaftspolitische Themen teilweise übernahm.
Die Botschaft an den SPD-Wähler lautete unausgesprochen:
Bleib ruhig zu Hause. So schlimm ist Merkel doch gar nicht.
Und der CDU-Wähler?
Der ging trotzdem hin. Vielleicht nicht begeistert. Vielleicht auch nicht mit leuchtenden Augen. Aber er ging. Angela Merkel war für ihn keine große Liebe mehr, aber eine ziemlich solide Hausratversicherung.
Das genügte.
2009 holte die Union 33,8 Prozent, die SPD stürzte auf 23 Prozent. 2013 erreichte Merkel 41,5 Prozent. Die Methode war nicht besonders romantisch. Aber sie funktionierte.
Heute erleben wir das Gegenteil.
Merz mobilisiert – nur leider die Falschen
Friedrich Merz hat aus der asymmetrischen Demobilisierung eine Art asymmetrische Gegenmobilisierung gemacht.
Seine politischen Gegner müssen nicht mühsam davon überzeugt werden, zur Wahl zu gehen. Merz erledigt das für sie.
Wer ihn nicht leiden kann, hat einen ausgezeichneten Grund, am Wahlsonntag aufzustehen. Nicht unbedingt, weil er von SPD (eher wenig), Grünen (vielleicht, vor allem Frauen), Linken (junge Frauen erstaunlicherweise schon) oder AfD (50% der Männer!, 30% der Frauen) begeistert wäre. Sondern weil er Friedrich Merz loswerden will.
Das ist eine enorm starke politische Motivation.
Wahlen werden nämlich keineswegs ausschließlich aus Begeisterung gewonnen. Sie können genauso gut aus Abneigung entschieden werden.
Gleichzeitig geschieht auf der anderen Seite etwas noch Gefährlicheres: Ein Teil des eigenen potentiellen Wählerlagers scheint zunehmend Schwierigkeiten zu haben, einen positiven Grund für die Wahl von CDU oder SPD zu finden.
Damit dreht sich Merkels Mechanismus vollständig um.
Merkel: Der Gegner findet keinen Grund, gegen mich wählen zu gehen.
Merz: Der Gegner findet einen hervorragenden Grund, gegen mich wählen zu gehen.
Und noch schlimmer:
Merkel: Mein eigener Wähler geht schon irgendwie hin.
Merz: Mein eigener Wähler überlegt, ob er sich das wirklich noch antun möchte.
Die aktuellen Zahlen illustrieren das Problem drastisch. Im ARD-DeutschlandTREND vom August sind gerade einmal 14 Prozent mit Merz‘ Arbeit zufrieden, 84 Prozent unzufrieden. CDU/CSU stehen bei 21 Prozent – ihrem niedrigsten Wert in dieser Erhebung seit November 2021. Die AfD erreicht gleichzeitig 28 Prozent.
Das ZDF-Politbarometer zeichnet kein wesentlich freundlicheres Bild: Merz erreicht mit minus 1,9 seinen bislang schlechtesten persönlichen Wert. 75 Prozent sind mit seiner Arbeit als Kanzler unzufrieden. Besonders bemerkenswert: 67 Prozent der Unionsanhänger glauben selbst nicht, dass die CDU geschlossen hinter ihrem Vorsitzenden steht.
Das ist mehr als schlechte Presse.
Das ist ein Mobilisierungsproblem.
Politik mit umgekehrtem Vorzeichen
Man kann den Unterschied beinahe mathematisch ausdrücken.
Merkels Erfolgsformel lautete:
Eigene Wähler mäßig mobilisieren + gegnerische Wähler stark demobilisieren = relative Mehrheit.
Bei Merz droht daraus zu werden:
Eigene Wähler demobilisieren + gegnerische Wähler stark mobilisieren = Wahlniederlage.
Dabei ist die Ironie kaum zu übersehen.
Merz trat einst mit dem Versprechen an, die CDU wieder erkennbarer zu machen. Nach den Merkel-Jahren sollte wieder gestritten, profiliert und polarisiert werden. Tatsächlich wurde bereits bei seinem ersten großen Parteitag als CDU-Vorsitzender 2022 genau dieser Bruch mit Merkels demobilisierendem Wahlkampfstil gefeiert.
Polarisierung kann funktionieren.
Ronald Reagan konnte polarisieren. Margaret Thatcher konnte polarisieren. Franz Josef Strauß konnte polarisieren.
Aber dafür muss eine entscheidende Bedingung erfüllt sein:
Wer seine Gegner maximal mobilisiert, muss seine eigenen Leute noch stärker mobilisieren.
Sonst ist Polarisierung keine Strategie, sondern politische Selbstbeschädigung.
Genau dort liegt das Problem von Merz.
Wenn Abwahl stärker motiviert als Wahl
Für einen Regierungschef gibt es kaum eine gefährlichere Situation, als selbst zum wichtigsten Wahlkampfthema zu werden – allerdings für die Gegenseite.
Dann lautet die entscheidende Frage des Wählers nicht mehr:
„Wen möchte ich eigentlich regieren sehen?“
Sondern:
„Was muss ich wählen, damit Merz wegkommt?“
In diesem Moment können sogar Parteien profitieren, von denen der betreffende Wähler wenig hält. Die Wahlentscheidung wird taktisch. Die Abwahl des Amtsinhabers wird wichtiger als die Begeisterung für dessen Alternative.
Und genau hier entsteht die Asymmetrie.
Denn während der Gegner emotional hochmotiviert zur Wahl geht, steht der traditionelle CDU-Wähler vor einem völlig anderen Problem. Er muss sich selbst erklären, warum er CDU wählen soll.
Gewohnheit?
Parteibindung?
Angst vor den anderen?
Das funktionierte unter Merkel lange erstaunlich gut. Doch Parteibindungen sind inzwischen schwächer geworden. Und ausgerechnet die jahrzehntelange Strategie der asymmetrischen Demobilisierung hat dazu beigetragen, politische Lagerbindungen aufzuweichen. Schon die wissenschaftliche Analyse der Merkel-Wahlkämpfe stellte fest, dass die bewusste Vermeidung eines stark politisierten Wahlkampfes und die programmatische Annäherung an konkurrierende Wählergruppen zu den zentralen Elementen ihrer Strategie gehörten.
Merkel konnte von dieser Entideologisierung profitieren.
Merz erbt ihre Folgen.
Das Merkel-Paradox
Darin steckt das eigentliche Merkel-Paradox.
Die asymmetrische Demobilisierung war kurzfristig eine brillante Strategie zur Machtsicherung. Langfristig hat sie jedoch die Bindung zwischen CDU und einem Teil ihres traditionellen Milieus geschwächt.
Merkel brauchte keine enthusiastischen Christdemokraten. Sie brauchte genügend Menschen, die Angela Merkel für die vernünftigste verfügbare Option hielten.
Merz bräuchte dagegen genau jene emotional gebundene Stammwählerschaft, deren Bedeutung unter Merkel immer weiter abgenommen hat.
Er führt einen polarisierenden Wahlkampf mit einer Partei, die über Jahre auf Entpolarisierung optimiert wurde.
Das ist ungefähr so, als würde man nach zwanzig Jahren Produktion komfortabler Diesellimousinen plötzlich beschließen, in der Formel 1 anzutreten.
Der Motor ist dafür nicht gebaut.
Die gefährlichste Wahlkampfbotschaft
Merkels vielleicht stärkste Wahlkampfbotschaft bestand aus drei Worten:
Sie kennen mich.
Das war keine Vision. Kein Aufbruch. Kein Pathos.
Es war ein Beruhigungsmittel.
Keine Experimente. Keine Aufregung. Morgen geht die Sonne wieder auf.
Die gefährlichste Botschaft für Merz könnte dagegen ebenfalls nur aus drei Worten bestehen:
Merz muss weg.
Dafür braucht es kein Wahlprogramm.
Keine 140 Seiten Koalitionsversprechen.
Keine komplizierte Kampagne.
Nicht einmal einen besonders überzeugenden Gegenkandidaten.
Es genügt ein gemeinsamer Gegner.
Und wenn eine Regierung an diesem Punkt angekommen ist, hat sich die asymmetrische Demobilisierung endgültig in ihr Gegenteil verkehrt.
Angela Merkel gewann, indem sie ihren Gegnern den Grund nahm, zur Wahl zu gehen.
Friedrich Merz droht zu verlieren, weil er ihnen einen gibt.
