Flashback 1986: Die Beichtväter der EWSD: Ein Ferienjob in der Beamten-Idylle
Es war der Sommer 1986, und während die Welt über Tschernobyl und die Fußball-WM in Mexiko diskutierte, bestieg ein 16-jähriger in Nymphenburg den 41er Bus. Das Ziel: Die Hofmannstraße, das Epizentrum der „Öffentlichen Netze“ und alle Nebengebäude. Dort, wo der Siemens-Tower wie ein monolithisches Denkmal des deutschen Ingenieurwesens in den Himmel ragte, wartete eine Welt, die heute wie Science-Fiction aus der Kaiserzeit wirkt.
Die Siemens-Zeit-Rechnung
Wir waren in einem Nebenbüro ausgesetzt: Siemens ÖN-Export dies das. Boschetsriederstraße 123. Das Gebäude gibt es immer noch. 1. OG rechts, da war das Großraumbüro. Man betrat das Gebäude und tauchte ein in den „Siemens-Rhythmus“. Die Arbeitsmoral der altgedienten Ingenieure folgte einer strengen, fast rituellen Choreografie:
- 08:00 Uhr: Das „Einflippern“. Man erschien, hängte das Sakko über den Stuhl und widmete sich der ersten von vielen Tassen Filterkaffee.
- 10:00 Uhr: Die Vorbereitung auf das Highlight des Tages.
- 11:30 – 13:30 Uhr: Die heilige OFK-Casino-Pause. Wer etwas auf sich hielt, speiste im Casino an der Obersendlinger Straße. Es war weniger eine Mittagspause als eine tägliche Staatsratsitzung bei Schweinebraten und Knödeln.
- 15:30 Uhr: Das große „Ausschleichen“. Ab vier Uhr nachmittags hätte man im Siemens-Tower vermutlich ein Orchester proben lassen können, ohne jemanden zu stören – die Gänge waren verwaist.
Der 16-jährige Beichtvater am 100.000-Mark-Rechner
Mitten in dieser entschleunigten Welt saß der Ferienjobber Christoph vor dem Siemens 5822. Während der Rechner leise summte und die Grafiken der Lieferlisten nach Pakistan (die legendären EWSD-Anlagen) aufbaute, wurden die alten Ingenieure weich.
Vielleicht lag es an der Aura der Xerox-Workstation, die aussah wie Technik aus dem Jahr 2000, vielleicht an der Unbeschwertheit des 16-Jährigen: Sie fingen an zu „beichten“. Sie erzählten von den wilden Zeiten des Aufbaus, von den Tücken der digitalen Vermittlungstechnik und vermutlich auch davon, wie man das System so bespielte, dass zwischen zwei Kalkulationen genug Zeit für ein ausgiebiges Casino-Menü blieb.
Das Pakistan-Projekt in Tabellenform
Ich arbeitete an so einer Art Excel. Ich war also derjenige, der die Zahlenkolonnen für Karachi und Islamabad bändigte. Während die Ingenieure ihre Geschichten erzählten, tipptest du die Kosten für Baugruppen ein, deren Wert den meines Elternhauses in Nymphenburg locker überstieg. Es war eine bizarre Mischung aus Hochtechnologie (die Siemens 5800 war ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus) und einer Arbeitswelt, die eher an ein gemütliches Amt erinnerte als an einen globalen Tech-Konzern.
Am späten Nachmittag – wenn die Ingenieure längst im Feierabend waren – habe ich dann langsam wahrscheinlich das System heruntergefahren, bin in den 41er gestiegen und zurück nach Nymphenburg gefahren. Im Gepäck: Eine komische Gewissheit, dass in der Hofmannstraße die Zukunft der Kommunikation verwaltet wurde – allerdings in einem Tempo, das heute jede Agile-Coach-Schlagader zum Platzen bringen würde. Gleichzeitig wußte ich gar nicht so richtig das einzuordnen. Während viele meiner Schulkollegen in den Sommerferien irgendwie einfach nichts getan haben, habe ich halt das gemacht! Space Tech. Ich versuchte es meinen Eltern zu erklären. Sie verstanden nichts. Beim Wort Siemens sind sie eh schon ausgestiegen. Juristen halt.
Doch gehen wir weiter.
Stelle man es sich also vor vor: Es ist 14:45 Uhr, die Mittagsschwere aus dem Casino hängt noch in der Luft, und der Herr Dipl.-Ing. (nennen wir ihn „Bernhard Buschmann“) lehnt sich in seinem ergonomischen (aber hässlichen) Siemens-Stuhl zurück, während meine Wenigkeit die Tabellen in die 5822 klopft.
Die Beichte im Siemens-Tower: „Das Wunder von Islamabad“
„Du, sag mal… rechnest du da gerade die Zeile 412? Die Ersatzteilpakete für das Vermittlungsamt in Karachi? Ja, schreib ruhig 20 Prozent Puffer drauf. Das merkt in Islamabad eh keiner, und wir brauchen das für die ‚unvorhergesehenen Spesen‘.
Weißt du“, sagt er und senkt die Stimme, während er einen Blick zur Tür wirft, „wir verkaufen denen da unten das EWSD-System als die absolute Krone der Schöpfung. Und das ist es ja auch! Digital! Vollintegriert! Die Pakistanis denken, sie kaufen ein Stück Raumschiff Enterprise. Aber wenn die wüssten, wie wir das Ding wirklich zusammengekloppt haben…
Letztes Jahr, da hatten wir einen Abnahmetermin mit der Delegation aus Rawalpindi. Die wollten sehen, wie das System 10.000 Gespräche gleichzeitig routet. Blöd nur, dass die Software am Vorabend noch alle drei Minuten abgeschmiert ist – interner Stack-Overflow, frag nicht. Was haben wir gemacht? Der Kollege Huber hat die ganze Nacht durchgearbeitet und ein kleines Programm geschrieben, das im Grunde nur eine Animation auf dem Kontrollmonitor abgespielt hat. ‚Simulation‘ haben wir es genannt. Denen haben die Augen geleuchtet! Die dachten, das System läuft wie am Schnürchen. In Wirklichkeit haben wir die echten Platinen erst drei Monate später per Luftfracht hinterhergeschickt.
Und dann die Preise… schau dir deine Tabelle an. Diese eine Baugruppe da, die Line Card. In der Herstellung kostet uns das Ding vielleicht 80 Mark. Aber weil ‚Siemens‘ draufsteht und wir die Wartungsgarantie für 20 Jahre geben, schreiben wir 1.200 Mark in dein schlaues Xerox-System. Das ist das Schöne an der Monopolstellung: Wenn du das Telefonnetz eines ganzen Landes digitalisierst, dann bist du wie der liebe Gott. Man kann nicht einfach kündigen.
Aber weißt du, was das Beste ist? Hier im Haus regt sich keiner auf. Wenn die Zahlen in deiner Tabelle am Ende des Quartals grün sind, fragt der Bereichsvorstand nicht, warum wir zwei Stunden Mittagspause machen. Die glauben alle, wir vollbringen hier magische Wunder an diesen Workstations. Dabei bist du der Einzige hier im Stockwerk, der diese Kiste wirklich unfallfrei bedienen kann.
So, jetzt ist es gleich vier. Ich muss los, die Frau wartet mit dem Abendessen in Unterhaching. Speicher die Tabelle gut ab – und wehe, du drückst die falsche Taste und Pakistan ist morgen ohne Freizeichen!“
Ich sah ihn an. Er lachte. Ich brauchte ein wenig um zu verstehen, daß es so schnell dann doch nicht ging. Aber es war knapp davor. Denn tatsächlich konnten sie das ganze pakistanische System von der Ferne aus warten.
Genau dieses Gefühl war es doch: Diese Mischung aus kolossalem technischem Stolz („Wir vernetzen die Welt“) und der bayrischen Gemütlichkeit, bei der man fünf gerade sein ließ, solange der Exportweltmeister-Status gewahrt blieb.
Im stinkigen, schwülend-heißen 41-er Bus war das dann vorbei.
