Wenn die Cloud die Daten klaut

Wenn die Cloud die Daten klaut

„Die Cloud“ ist der erfolgreichste Marketingbegriff seit „nachhaltige Banken“.
Er klingt leicht, weich, irgendwie harmlos. Wolkig. Fast poetisch.
In Wahrheit ist die Cloud der Server anderer Leute – mit fremden Admins, fremden Interessen und fremden Zugriffsrechten.

Punkt.

Alles andere ist PR.


Die große Lebenslüge: „Ihre Daten sind sicher“

Nein.
Sie sind nicht sicher.
Sie sind verfügbar.

Und zwar nicht für Sie, sondern für:

  • Geheimdienste
  • Sicherheitsbehörden
  • „Partnerbehörden“
  • Subunternehmer von Subunternehmern
  • Praktikanten mit Root-Zugriff und schlechtem Gewissen

Das Zauberwort heißt Lawful Intercept.
Klingt sauber. Ist es nicht.

Lawful Intercept bedeutet:

„Wir greifen auf alles zu, was uns interessiert – legal, halb-legal oder mit rückwirkender Genehmigung.“

Die Frage ist nicht ob Ihre Daten mitgelesen werden.
Die Frage ist nur:

  • automatisch?
  • selektiv?
  • dauerhaft?
  • oder on demand?

Verschlüsselung? Ja. Kontrolle? Nein.

„Aber wir verschlüsseln alles!“
Sagen sie immer. Und meinen:

  • Transportverschlüsselung: ✔️
  • Ruhende Daten: ✔️
  • Schlüsselverwaltung: ❌ (die haben sie)

Wer die Schlüssel hält, hält die Wahrheit.
Und Spoiler: Sie halten sie nicht.

Die Cloud ist wie ein Bankschließfach,
bei dem:

  • die Bank den Zweitschlüssel hat
  • der Staat den Generalschlüssel hat
  • und der Sicherheitsdienst gerne mal reinschaut, „falls etwas Auffälliges vorliegt“

Metadaten: Der wahre Goldschatz

„Wir lesen Ihre Inhalte nicht.“

Herzlichen Glückwunsch.
Dann lesen sie halt:

  • wer mit wem
  • wann
  • wie oft
  • von wo
  • mit welchem Gerät
  • in welchem Kontext

Metadaten sind nicht das Beiwerk.
Sie sind die Information.

Wer Metadaten hat, braucht keine Inhalte mehr.
Das wissen:

  • Nachrichtendienste
  • Werbenetzwerke
  • Sicherheitsbehörden
  • und jede zweitklassige Analytics-Firma

Souveränität? Nur solange sie nicht stört

Heute ist alles okay.
Morgen:

  • neue Gesetzeslage
  • neue Auslegung
  • neue „Gefährdungslage“
  • neue Präventionslogik

Und plötzlich ist:

  • Ihr Backup ein Beweismittel
  • Ihre Mails ein Netzwerkdiagramm
  • Ihr Kalender eine Gefährdungsprognose
  • Ihre Cloud ein offenes Buch

Natürlich alles „rechtsstaatlich“.
Mit Formular.
Mit Aktenzeichen.
Mit freundlichem Anschreiben.


Cloud heißt: Abhängigkeit

Sie geben ab:

  • Infrastruktur
  • Kontrolle
  • Entscheidungsgewalt
  • Reaktionsfähigkeit

Und bekommen dafür:

  • Komfort
  • bunte Dashboards
  • monatliche Rechnungen
  • und das gute Gefühl, „modern“ zu sein

Bis:

  • der Account gesperrt wird
  • ein Algorithmus Alarm schlägt
  • ein Compliance-Team nervös wird
  • oder jemand entscheidet, dass Sie „problematisch“ sind

Dann ist Ihre Cloud nicht mehr Ihr Speicher.
Sondern Ihr Käfig.


Der eigentliche Skandal

Nicht, dass Staaten zugreifen wollen.
Das ist ihr Job.

Der Skandal ist:

  • wie bereitwillig Konzerne mitspielen
  • wie naiv Nutzer das akzeptieren
  • wie verlogen die Sprache geworden ist

„Vertrauen“
„Transparenz“
„Sicherheit“
„Community-Richtlinien“

Alles Nebel.
Alles Wolke.


Fazit (unangenehm, aber ehrlich)

Die Cloud klaut Ihre Daten nicht heimlich.
Sie tut es:

  • vertraglich
  • geregelt
  • dokumentiert
  • und mit Ihrem Klick auf „Akzeptieren“

Die Illusion ist nicht die Cloud.
Die Illusion ist digitale Unabhängigkeit auf fremder Infrastruktur.

Und wer das nicht versteht,
wird irgendwann feststellen:

Die Cloud hat nichts gespeichert – sie hat protokolliert.

Ende des Rants.

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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