Die erschöpfte Republik

In der Bundesrepublik Deutschland wird derzeit viel über die Zukunft gesprochen. Meist in einem Ton, als handele es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude: Man dürfe nichts verändern, müsse aber dringend sanieren. Das Ergebnis ist bekannt – ein Gerüst nach dem anderen, während drinnen weitergewohnt wird.

 

Die politische Grundstimmung ist dabei weniger ideologisch als physiologisch. Deutschland ist nicht gespalten, es ist müde. Eine Republik mit Burnout-Symptomatik: erschöpft vom Reformdiskurs, gereizt von jeder weiteren Zumutung, allergisch gegen Visionen. Wer heute wählt, tut das selten aus Begeisterung. Gewählt wird defensiv – gegen neue Regeln, neue Haltungen, neue Belehrungen. Das Kreuz auf dem Stimmzettel ist oft kein Bekenntnis mehr, sondern ein Abwehrreflex.

 

Diese Müdigkeit zieht sich durch alle Milieus. Akademiker, Facharbeiter, Selbstständige, Angestellte – sie eint weniger ihre soziale Lage als das Gefühl, ständig Adressat pädagogischer Maßnahmen zu sein. Der Staat erklärt, sensibilisiert, ermahnt. Er weiß, wie man spricht, isst, heizt und denkt. Was er seltener weiß: wie man einen verständlichen Bescheid schreibt oder ein Verfahren innerhalb der angekündigten Frist abschließt.

 

Der politische Betrieb hat sich diesem Zustand angepasst. Programme versprechen weniger funktionale Verbesserung als symbolische Entlastung. Es wird gerahmt, markiert, eingeordnet. Probleme werden nicht gelöst, sondern kommunikativ begleitet. Verwaltung ersetzt Gestaltung, Moral ersetzt Funktion. Der Bürger erscheint nicht mehr als Auftraggeber, sondern als zu betreuendes Projekt.

 

Das hat Folgen. Wo reale Gestaltungsmöglichkeiten schwinden, steigen die Ansprüche an Anerkennung. Wo Aufstieg unwahrscheinlich wird, gewinnt moralische Aufwertung an Bedeutung. Politik reagiert darauf mit immer neuen Förderkulissen, Ausnahmeregelungen und Sonderprogrammen. Das Resultat ist ein System, das Gleichheit predigt, aber Ungleichbehandlung praktiziert – meist gut begründet, selten gut erklärt.

 

Der eigentliche Konflikt verläuft dabei nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen funktional und symbolisch. Auf der einen Seite Menschen, die nichts weiter erwarten als nachvollziehbare Regeln, verlässliche Verfahren und einen Staat, der Fehler korrigiert, statt sie mit einem Leitfaden zu flankieren. Auf der anderen Seite ein politisch-mediales Milieu, das Probleme bevorzugt moralisch rahmt – ein Ansatz, der den Vorteil hat, kaum messbar zu sein.

 

In diesem Klima entstehen Mehrheiten nicht durch Hoffnung, sondern durch Erleichterungsversprechen. Nicht „Es wird besser“, sondern „Es wird weniger kompliziert“ mobilisiert. Freiheit als Pathos überzeugt wenig, Planbarkeit als Luxus hingegen sehr. Der Wunsch ist erstaunlich bescheiden: gleiche Regeln, klare Zuständigkeiten, weniger Formulare in dreifacher Ausfertigung – digital ausgedruckt, versteht sich.

 

Auffällig ist, wer von dieser Lage profitiert. Es sind weniger die großen Reformer als jene Institutionen, die Stabilität versprechen, ohne Veränderung zu liefern: Apparate, Förderstrukturen, moralische Gatekeeper. Sie verwalten Enttäuschung ausgesprochen professionell – ein Standortvorteil, den man Deutschland nicht absprechen kann.

 

Und doch ließe sich gegensteuern, ohne gleich den Gesellschaftsvertrag neu zu schreiben.

 

Erstens: Der Staat sollte sich wieder als Dienstleister begreifen. Verständliche Bescheide, verbindliche Fristen und reale Konsequenzen bei Verwaltungsfehlern würden mehr Vertrauen schaffen als jede Imagekampagne.

 

Zweitens: Gleichheit vor dem Gesetz muss praktisch gelten. Sonderregime, Ausnahmen und moralisch begründete Privilegien untergraben langfristig Akzeptanz – selbst dann, wenn sie aus besten Absichten entstehen.

 

Drittens: Politik täte gut daran, systematisch zu entmoralisieren. Weniger Gesinnungsabfragen, mehr Kosten-Nutzen-Analysen. Weniger Haltung, mehr Funktion.

 

Viertens: Reformen müssen entlasten, nicht erziehen. Wer Leistung einfordert, sollte zuerst Bürokratie abbauen – und nicht erklären, warum sie alternativlos ist.

 

Deutschland ist nicht am Ende. Aber es ist erschöpft. Wer diese Erschöpfung ignoriert oder pädagogisch überformt, wird weiter an Zustimmung verlieren. Wer sie ernst nimmt und pragmatisch beantwortet, könnte etwas zurückbringen, das hierzulande selten geworden ist: Vertrauen – nicht als Gefühl, sondern als Alltagserfahrung. Und das wäre, gemessen am deutschen Erwartungsniveau, bereits ein Fortschritt.

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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