Die Bundesrepublik im Standby-Modus

Die Bundesrepublik im Standby-Modus

Deutschland befindet sich im Jahr 2026 in einem bemerkenswert stabilen Zustand: geistig weiterhin 1995. Die Zeit ist fortgeschritten, die Erzählung nicht. Man lebt in einer politischen Komfortzone, in der die Welt noch übersichtlich war, die Rollen verteilt und die Moral eindeutig. Die Kulissen stehen, die Dialoge sind gelernt, das Publikum applaudiert an den vorgesehenen Stellen.

Der Kalte Krieg ist vorbei, aber mental keineswegs beendet. Die Stasi ist Geschichte, wird jedoch behandelt, als hätte sie lediglich ihre Büros verlegt. Der Neonazi ist selten geworden, dafür umso wertvoller. Er fungiert als mobiles Universalargument, ein wandelnder Beweis dafür, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Der böse Russe liefert die Außenpolitik, der gute Amerikaner das moralische Fundament. Wer diese Statik in Frage stellt, gilt nicht als neugierig, sondern als verdächtig.

Auffällig ist nicht, dass diese Bilder falsch wären. Auffällig ist, dass sie unersetzlich geworden sind. Sie dienen weniger der Erklärung der Welt als der Absicherung institutioneller Routinen. Ministerien, Redaktionen, Stiftungen und Bildungsprogramme reproduzieren ein Deutungsinventar, das aus einer Zeit stammt, in der Macht noch sichtbar, Gegner identifizierbar und Konflikte linear waren. Die heutige Realität – diffus, vernetzt, algorithmisch – passt schlecht in dieses Raster. Also wird sie ausgeblendet.

Statt Analyse tritt Haltung. Statt Beschreibung Einordnung. Statt Erkenntnis Prävention. Die politische Kultur hat sich von der Frage „Was ist?“ zur Frage „Was darf gelten?“ verschoben. Wahrheit wird nicht mehr bestritten, sondern sortiert. Nicht falsche Aussagen sind das Problem, sondern unautorisierte. Der Diskurs ist offen, solange er vorhersehbar bleibt.

Diese Verschiebung vollzieht sich geräuschlos. Niemand wird verboten, man wird ignoriert. Niemand wird zensiert, man wird klassifiziert. Abweichung erscheint nicht als Opposition, sondern als Irritation. Das ist keine Repression im klassischen Sinn, sondern eine Form administrierter Wirklichkeit. Sie wirkt sanft, effizient – und nachhaltig.

Der Rückgriff auf die neunziger Jahre erfüllt dabei eine wichtige Funktion. Er erlaubt moralische Selbstvergewisserung ohne Risiko. Wer gegen Nazis ist, muss nicht über Macht sprechen. Wer vor alten Geheimdiensten warnt, kann neue Kontrollstrukturen übersehen. Wer in vertrauten Feindbildern verharrt, erspart sich die Zumutung, Gegenwart neu zu denken.

So wird die Vergangenheit nicht erinnert, sondern konserviert. Sie dient als politischer Tiefkühlschrank, aus dem man bei Bedarf bewährte Bedrohungen entnimmt. Die Zukunft hingegen bleibt abstrakt, kompliziert, unerquicklich. Also verschiebt man sie.

Deutschland leidet nicht an einem Mangel an Wissen, sondern an einem Überfluss an Gewissheiten. Man weiß schon, wer gut ist, wer böse, wer geschützt werden muss und wer gefährlich ist. Dieses Wissen stammt aus einer anderen Epoche – und wird dennoch wie eine Betriebssystemdatei behandelt, die man nicht löschen kann, ohne das ganze System zu gefährden.

Vielleicht ist genau das der Punkt. Ein Update wäre möglich. Aber es könnte Abstürze verursachen. Also bleibt das Land im Standby. Die Anzeige blinkt. Der Bildschirm leuchtet. Und alle tun so, als liefe das Programm noch.

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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