Warum Preußen Preußen heißt – und warum das im heutigen Deutschland keiner hören will

Preußen – Die verleugnete Herkunft

Warum Preußen Preußen heißt – und warum das im heutigen Deutschland keiner hören will

 

Christoph von Gamm, 13. Januar 2026

 

Warum Preußen seine ostbaltischen Wurzeln nie haben durfte

Es gibt historische Wahrheiten, die nicht deshalb verschwinden, weil sie falsch wären – sondern weil sie politisch unbrauchbar sind. Die Herkunft des Wortes Preußen gehört in diese Kategorie.

Daß „Preußen“ kein ursprünglich deutscher Name ist, sondern auf die altbaltischen Prūsai zurückgeht, ist unter Linguisten seit über hundert Jahren unstrittig. Und doch existiert dieses Wissen im öffentlichen Bewusstsein praktisch nicht. Preußen gilt als Inbegriff deutscher Staatsdisziplin, Militärkultur, protestantischer Arbeitsethik – ein mythischer Kern deutscher Identität. Daß dieser Name aus derselben nordosteuropäischen Sprachwelt stammt wie Rus, daß er auf Wasserlandschaften, Moore, Flusskulturen verweist, daß er vor-germanisch, vor-slawisch, vor-national ist – das ist eine Wahrheit, die man nie haben wollte.

Warum?

Identität braucht Reinheit

Nationale Mythen funktionieren nur, wenn sie klar, geschlossen und widerspruchsfrei sind. Preußen musste deutsch sein – nicht nur politisch, sondern auch ontologisch. Ein baltischer Ursprung hätte bedeutet:

  • daß der angeblich „ur-deutsche“ Staat auf einem ausgelöschten Fremdvolk basiert,
  • daß die preußische Staatsidee nicht aus germanischer Tiefe wuchs, sondern aus einem kulturellen Überschreibungsprozess,
  • daß der deutsche Nationalstaat seine symbolische Wiege auf dem Grab einer anderen Identität errichtet hat.

Ein solcher Gedanke ist für Nationalerzählungen toxisch.

Eroberung, nicht Entstehung

Die Geschichte Ostpreußens ist keine Erzählung von Staatsgründung, sondern von Kolonisierung. Der Deutsche Orden unterwarf im 13. Jahrhundert die Altpreußen, zerstörte ihre Sprache, ihre Religion, ihre Gesellschaft. Das Volk verschwand – der Name blieb.

Die Beibehaltung des Namens „Preußen“ wirkte dabei wie eine semantische Enteignung:
Der Eroberer übernimmt den Namen des Vernichteten – und erklärt ihn anschließend zu seiner eigenen Ursprungsbezeichnung.

Das ist kein Sonderfall, sondern ein koloniales Muster. Aber im deutschen Selbstbild wollte man Kolonisator nie sein.

Das Problem „Rus“

Noch heikler wird es durch die Nähe zum Wortfeld Rus / Ros / Ruotsi. Diese Namen bilden einen uralten nordosteuropäischen Bedeutungsraum: Flüsse, Wasserwege, Sumpflandschaften, Handelsrouten zwischen Ostsee und Schwarzem Meer.

Würde man diese Verbindung offen anerkennen, entstünde ein gedanklicher Kurzschluss: Preußen wäre nicht Gegenpol zum Osten – sondern Teil desselben ostbaltisch-slawischen Ursprungsraums. Und damit kollabiert ein zentrales Element deutscher Geschichtserzählung:
die Vorstellung, Preußen sei Bollwerk gegen den Osten gewesen – statt selbst aus ihm hervorgegangen zu sein.

Der Mythos der Westorientierung

Nach 1871 brauchte das Deutsche Reich einen Stammbaum, der nach Westen zeigte: Rom, Reformation, Aufklärung. Preußen wurde zur Speerspitze dieser Westbindung stilisiert. Ein Name, der etymologisch mit Rus verwandt ist, passt nicht in diese Dramaturgie. Er riecht nach Moor, nicht nach Marmor. Nach Flussfurt, nicht nach Kathedrale. Also schwieg man darüber.

Vergessen als Staatskunst

So entstand eine merkwürdige Leerstelle: Jeder Schüler lernte die Schlachten Friedrichs, die Verwaltung Hardenbergs, den Militarismus der Junker – aber niemand lernte, daß der Name Preußen älter ist als jeder Deutsche in diesem Raum. Nicht aus Unwissen, sondern aus Narrativpflege. Denn Identität entsteht nicht durch Wahrheit, sondern durch Auswahl. Und diese Auswahl ist nie unschuldig.

Dazu kam die peinliche Verwandtschaft

Warum die kulturelle Nähe zwischen Preußen und Russland nicht existieren darf

Die Verleugnung der ostbaltischen Wortwurzel ist nur die halbe Wahrheit. Der tiefere Grund für das Schweigen liegt woanders: in der strukturellen Ähnlichkeit zwischen Preußen und Russland.

Denn was Preußen im 18. und 19. Jahrhundert ausmachte – Verwaltungsetatismus, Obrigkeitskult, Disziplin, Untertanenmentalität, staatszentrierte Moral, gehemmte Bürgerlichkeit – ist kulturell weit näher an Russland als an England oder Frankreich.

Das Problem ist: Diese Nähe ist politisch unerwünscht.

Verwandte Staatsseelen

Vergleicht man die prägenden Merkmale beider Systeme, ergibt sich ein unheimlich kohärentes Bild:

Preußen Russland
zentralistische Bürokratie zentralistische Bürokratie
Staatsraison über Bürgerrecht Staatsraison über Bürgerrecht
autoritäre Loyalitätskultur autoritäre Loyalitätskultur
moralisch aufgeladene Pflichterfüllung moralisch aufgeladene Pflichterfüllung
Misstrauen gegen Individualismus Misstrauen gegen Individualismus
Staat als sittliche Instanz Staat als sittliche Instanz

Das ist keine zufällige Parallele, sondern Ausdruck derselben ostkontinentalen Verwaltungskultur – einer Tradition, in der der Staat nicht Dienstleister, sondern Schicksalsmacht ist.

Der verdrängte Spiegel

Nach 1945 und endgültig nach 1989 brauchte Deutschland ein neues Selbstbild: liberal, westlich, zivilgesellschaftlich. Preußen durfte darin nur noch als überwundener Irrtum existieren – und Russland nur noch als autoritäres Gegenbild.

Daß beide historisch aus ähnlichen Mentalitätsräumen stammen, wäre in dieser Erzählung fatal. Es würde bedeuten: Der autoritäre Reflex ist kein russischer Sonderweg – sondern ein verdrängtes deutsches Erbe.

Diese Erkenntnis ist psychologisch schwer erträglich. Also wird sie ausgelagert: nach Moskau, nach St. Petersburg, in die Fremde.

Die große Entlastungserzählung

Indem Deutschland Preußen kulturell rein westlich definiert und Russland vollständig „anders“ macht, entsteht eine moralisch bequeme Spaltung: hier: Rationalität, Rechtsstaat, Maß und Mitte und dort drüben:  Despotismus, Willkür, asiatische Finsternis. Diese Dichotomie ist historisch und auch für die Jetztzeit falsch – aber identitätspolitisch notwendig. Denn ist der Feind bekannt, hat der Tag Struktur!  Und sie erlaubt es, autoritäre Muster im eigenen System nicht als Rückkehr des Eigenen, sondern als Bedrohung von außen zu deuten.

 

Fazit

Man verleugnet die ostbaltischen Wurzeln Preußens nicht, weil sie unwichtig wären – sondern weil sie zu viel erklären würden. Sie würden zeigen, daß Preußen kein Naturereignis war, sondern ein Produkt kultureller Überschreibung, ein Name ohne sein Volk, ein Staat auf fremder Semantik. Und vielleicht ist genau das die eigentliche deutsche Geschichte: Nicht die der reinen Linien – sondern die der verdrängten Ursprünge.

Und noch schlimmer: Man verschweigt die Nähe zwischen Preußen und Russland, weil sie ein gefährliches Geheimnis enthält: Der deutsche Obrigkeitsstaat war nie nur westlich. Er war immer auch ein Teil des ostkontinentalen Machtmodells. Und genau deshalb darf diese Verwandtschaft bis heute nicht wirklich erinnert werden.

 

christophvongamm

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Dr. Christoph von Gamm ist ein Unternehmer, Investor und Business Angel, der sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Kultur und Technologie engagiert. Er ist CEO und Managing Partner von Cybertrue Capital Partners, einer Firma, die sich mit Investitionen und Deals beschäftigt. Zudem ist er CEO von vonGammCom Global, wo er Beratungs- und Executive-Search-Dienstleistungen im Bereich IT-Outsourcing, große Verträge, Vertriebsführung und umfassende Transformationen anbietet. Seine berufliche Laufbahn umfasst über 20 Jahre globale und pan-europäische Erfahrung, darunter Führungspositionen bei Capgemini Suisse S.A. (2008–2012) und IBM Corporation (1995–2008). Er hat sich als strategisch denkender Führungskraft mit Erfolg bei der Performanceverbesserung großer Organisationen, der Gründung neuer Funktionen und der Pionierarbeit bei globalen Outsourcing-Initiativen etabliert. Sein Schwerpunkt liegt auf der Wertsteigerung durch digitale Transformation und der Nutzung dieser Veränderungen für seine Kunden. Er verfügt über akademische Qualifikationen, darunter einen Doktortitel (Dr. phil.) in interkultureller Wirtschaftswissenschaft von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), einen Diplom-Ingenieur (Dipl.-Ing.) in Elektrotechnik und Informationstechnik von der TU München sowie ein MBA von der Open University Business School, einen Master of Sales Management von der Portsmouth University, sowie Absolvent des Client Executive Programs der INSEAD Fontainebleau.
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