Die Vermessung des Menschen in vier Buchstaben
Es gehört zu den liebenswerten Marotten der Moderne, dass sie alles messen will, was sich früher dem Messbaren entzog. Schritte, Schlafphasen, Sauerstoffsättigung – und natürlich die Persönlichkeit. Wo man einst einen Charakter hatte, hat man heute ein Profil. Und wo früher der Hausverstand urteilte, entscheidet nun ein Online-Test mit 48 Fragen und Fortschrittsbalken.
Besonders beliebt ist die Typologie in vier Buchstaben. Sie hat etwas Tröstliches: Wer bin ich? ENTJ. Oder doch INTJ. Je nach Tagesform, Koffeinspiegel und der Frage, ob man den letzten Satz eher „trifft zu“ oder „trifft eher zu“ ankreuzt.
Die Pointe liegt in der Verwandlung eines Spektrums in eine Schublade. Der Mensch ist ein Kontinuum – der Test ein Kippschalter. Ein Punkt mehr, und der introvertierte Denker wird zum extravertierten Strategen. Es ist, als würde man die Temperatur nur als „heiß“ oder „kalt“ kennen und das Thermometer bei 19,9 Grad umetikettieren.
Natürlich hat diese Vermessung ihren Charme. In einer Welt diffuser Identitäten liefert sie klare Konturen. Vier Buchstaben sind überschaubarer als die Zumutung echter Selbstkenntnis. Zudem klingen die Beschreibungen stets schmeichelhaft. Niemand ist stur, sondern „prinzipientreu“. Niemand ist ängstlich, sondern „risikosensibel“. Der Test ist ein Horoskop im Business-Anzug.
Unternehmen lieben solche Verfahren. Sie versprechen Ordnung im Humankapital. Wenn der Controller weiß, dass er ein „Analystentyp“ ist, und die Marketingleiterin eine „Visionärin“, dann scheint die Organisation plötzlich wie ein wohlkomponiertes Orchester. Dass Menschen sich je nach Kontext anders verhalten, stört die Partitur. Also ignoriert man es höflich.
Dabei ist die Lage banal: Persönlichkeit ist situativ. Der schüchterne Redner wird beim Lieblingsthema zum Feuerkopf. Die Führungskraft hört zu Hause mehr zu als im Meeting. Und wer montags als rational gilt, kann freitags sentimental entscheiden. Der Mensch ist kein statisches Möbelstück, sondern ein bewegliches System.
Die Wissenschaft weiß das seit Langem und arbeitet mit Skalen statt Typen. Doch Skalen sind unerquicklich. „Sie liegen bei Extraversion bei 62 von 100“ taugt schlecht für die Kaffeeküche. Vier Buchstaben hingegen stiften sofortige Zugehörigkeit. Man ist nicht einfach Kollege Meier, sondern ein INTJ – fast schon eine Minderheit mit Binnenidentität.
Vielleicht liegt hier das eigentliche Erfolgsgeheimnis: Die Tests geben weniger Auskunft über die Psyche als über das Bedürfnis nach Etiketten. In einer komplexen Welt wirkt Selbstvereinfachung wie Selbstfürsorge. Wer sich einordnet, fühlt sich verortet.
Problematisch wird es nur, wenn aus Spiel Ernst wird. Wenn Bewerber aussortiert werden, weil ihr Buchstabencode nicht zur Unternehmenskultur passt. Wenn Führungskräfte glauben, aus einem Typenprofil Führungsstärke oder Kreativität ableiten zu können. Dann wird aus der Glosse Bürokratie.
Am Ende bleibt eine leise Ironie: Der Wunsch, einzigartig zu sein, äußert sich heute darin, einer von sechzehn Typen zu werden. Individualismus in Serienfertigung.
Vielleicht wäre ein Gegenversuch heilsam. Ein Test mit nur einer Frage: „In welchen Situationen verhalten Sie sich anders, als Sie es von sich erwarten?“ Die ehrliche Antwort darauf dürfte mehr über einen Menschen verraten als jede Buchstabenkombination.
Und sie hätte einen unschätzbaren Vorteil: Man könnte sie nicht mit einem Fortschrittsbalken versehen.
