Russland: Die Kunst der geregelten Überraschung
Christoph von Gamm, 26. Januar 2026
Im „freien Westen®“ träumt man weiter vom großen Knall: Putin fällt plötzlich um – und alles wird anders. Schöner. Liberaler. Vernünftiger. Denn Putin allein sei das Problem, die Wurzel allen Übels. Klassische Projektion.
Doch Russland spielt ein anderes Spiel.
Was formell passiert, wenn Putin ausfällt
Artikel 92 der Verfassung ist von entwaffnender Klarheit – fast schweizerisch in seiner Präzision: Tritt der Präsident zurück, wird er amtsunfähig oder stirbt er, übernimmt der Ministerpräsident automatisch & kommissarisch die Geschäfte. Innerhalb von drei Monaten muß eine Neuwahl stattfinden. Der Interimspräsident darf nicht kandidieren – eine 2020 eingebaute Sperrklausel, die weniger demokratisches Vertrauen als tiefes Misstrauen gegenüber der eigenen Elite verrät.
Stand Januar 2026 bedeutet das: Michail Mischustin, der ewige Technokrat, zieht für ein paar Wochen oder Monate in den Kreml. Nüchtern, loyal, ohne eigene Machtbasis, ohne charismatischen Ehrgeiz. Die anschließende Wahl startet eine neue Amtszeit-Zählung; die berühmte „Nullung“ gilt ausschließlich für Putin persönlich. Der Gewinner könnte theoretisch bis in die 2040er hinein regieren.
Auf dem Papier: ein sauberer, fast kontinental-europäischer Übergang. Genau deshalb ist er die perfekte Ablenkung.
Was der Westen sich einredet – und warum
In Washington, Berlin, Brüssel läuft das vertraute Skript ab: Verfassung → Interims-Präsident → Wahlkampf → neuer Mann → neue Politik. Man wartet auf „Signale“, auf erste Reformschritte, auf eine Öffnung. Manche setzen auf den Technokraten, andere auf den Pragmatiker, wenige sogar auf den heimlichen Reformer. Profile werden verglichen, Wetten abgeschlossen, Prozente verteilt.
Das alte westliche Missverständnis: Man verwechselt Verfassungstext mit Machtrealität.
Der Kreml denkt nicht in Nachfolgern. Er denkt in Mechanismen.
Warum es genau so nicht kommen wird
Putins wahres Meisterwerk der letzten Jahre ist weder der Krieg noch die Verfassungsänderung noch die Personenkult-Verdichtung, die zwar manche im Westen sehen, aber kaum einer in Russland – denn Putin spricht vom Präsidenten immer in der dritten Person und auch ist es unüblich Portraitfotos von ihm in Amtsstuben oder auf Plakaten zu finden. Es ist genau andersherum: Es ist die systematische Entpersonalisierung der Führung, sowohl jetzt als auch der Nachfolge – und die bewusste Vermeidung eines Kronprinzen.
Seit 2020/21 läuft parallel zur sichtbaren Hierarchie eine zweite, unsichtbarere Architektur: der Staatsrat (Gosudarstvennyj Sowjet – Государственный совет). Aufgewertet, personell verdichtet, zu einer Art Schaltzentrale gemacht, in der Silowiki, Technokraten, Regionalchefs und Präsidialadministration kollidieren. Das Kasachstan-Modell schwebt als Blaupause vor: formeller Rückzug, informelle Oberaufsicht. Ob Putin diesen Weg selbst noch gehen will oder nur die Option offenhält, ist zweitrangig. Entscheidend: Die Macht ist für den Kollektivfall vorbereitet.
Gleichzeitig pflegt der Kreml einen Reservepool – keine Thronerben, sondern austauschbare Kader. Jahrgänge 1965–1975, loyalitätsgeprüft, kriegserprobt, bewusst fragmentiert:
- Andrei Belousow, der Ökonom im Verteidigungsministerium – kühl, effizient, unbelastet von persönlichem Charisma.
- Sergei Kirienko, der unsichtbare Architekt von Wahlen, Ideologie und digitaler Kontrolle.
- Dazu kommen Figuren wie Alexej Djumin, Kirill Dmitriev oder die nächste Generation Ukraine-Veteranen.
Keiner darf zu früh zu stark werden. Das ist Absicht.
Das wahrscheinliche Szenario
Bei plötzlichem Ausfall: äußere Ruhe, innere Verdichtung.
Mischustin als formeller Platzhalter – korrekt, unauffällig, kurzlebig. Gleichzeitig Dauersitzungen von Sicherheitsrat, Präsidialadministration und Staatsrat-Präsidium. Innerhalb weniger Tage oder Wochen einigt sich der engste Kreis auf einen Konsenskandidaten. Der Name wird präsentiert – nicht als Überraschung für das System, sondern als Überraschung für die Öffentlichkeit. Die Wahl drei Monate später dient nur noch der rituellen Legitimation.
Kurz gesagt: Formell ist Russland auf einen schnellen, sauberen Übergang vorbereitet. Real hat Putin ein System gebaut, das Stabilität durch kontrollierte Überraschung erzeugt.
Oder, nzz-tauglich formuliert: Der Kreml wiederholt die Geschichte nicht. Er lässt sie einfach erneut vom Westen falsch prognostizieren. Das hat der Kreml bereits mehrfach erfolgreich praktiziert – von Josef Stalin auf Nikita Chruschtschow, von Chruschtschow auf Leonid Breschnew, von Boris Jelzin auf Wladimir Putin. Und der Westen war jedes einzelne Mal komplett überrascht. Jedes. Einzelne. Mal. Warum? Weil der Westen zu sehr von sich auf andere schließt.
