Reputation als Altlast
Warum der Fall HypoVereinsbank bis heute nachwirkt
Der Ruf eines Kreditinstituts entsteht nicht durch Imagekampagnen, sondern durch Verhalten in Stresssituationen. Gerade deshalb sind es weniger IT-Pannen oder Filialschließungen, die Banken langfristig schaden, sondern historische Erfahrungen mit Kreditkündigungen, Verwertungen und Interessenkonflikten. Kaum ein deutsches Institut steht exemplarischer für diese Problematik als die HypoVereinsbank.
Christoph von Gamm, 29. Januar 2026
Fusion, Bilanzierung und Vertrauensverlust
Mit der Fusion der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank und der Bayerischen Vereinsbank im Jahr 1998 entstand ein bayerischer Bankenkonzern von nationaler Bedeutung. Kurz darauf wurde jedoch ein erheblicher Bilanzierungsbedarf sichtbar: Immobilienengagements in Milliardenhöhe mussten nachträglich wertberichtigt werden. Ein Sondergutachten von KPMG bezifferte die Altlasten auf rund 3,5 Milliarden D-Mark.
Im Zentrum der Aufarbeitung stand unter anderem Eberhard Martini, damals Aufsichtsratsvorsitzender der Hypo-Bank. Strafrechtliche Ermittlungen wegen Bilanzmanipulation und Untreue endeten 2004 gegen Zahlung einer Auflage. Juristisch war der Komplex damit erledigt – reputativ jedoch nicht.
Sanierung durch Kreditkündigung
Die folgende Sanierungsphase war geprägt von einer erheblichen Verschärfung des Risikomanagements. Kredite, die zuvor prolongiert oder geduldet worden waren, wurden neu bewertet und teilweise kurzfristig fällig gestellt. Aus Sicht der Bank handelte es sich um regulatorisch gebotene Maßnahmen, gestützt auf aufsichtsrechtliche Anforderungen und interne Ratingsysteme.
Aus Sicht vieler betroffener Kreditnehmer stellte sich die Situation anders dar: Kündigungen erfolgten in wirtschaftlich angespannten Phasen, teils bei werthaltigen Sicherheiten, insbesondere im Münchner Immobilienmarkt. Rechtlich waren diese Schritte häufig gedeckt. Faktisch führten sie jedoch zu Notverkäufen und Zwangsverwertungen, die das Vertrauen in die Rolle der Bank als langfristiger Finanzierungspartner nachhaltig beschädigten.
Finanzierung und Verwertung – eine heikle Nähe
Besonders sensibel wurde die Situation dort, wo banknahe Immobiliengesellschaften in Erscheinung traten. Neben früheren internen Einheiten trat später insbesondere PlanetHome als Immobilienvermittler auf. Zwar bestand formal eine Trennung zwischen Kreditvergabe und Verwertung, doch aus Sicht der Betroffenen entstand der Eindruck struktureller Nähe.
Juristisch ließ sich daraus selten ein haftungsrelevanter Interessenkonflikt konstruieren. Reputationsökonomisch jedoch genügt bereits der Anschein, dass Informationsvorsprünge und Verwertungsprozesse ineinandergreifen könnten.
Hypo Real Estate als Menetekel
Die 2003 erfolgte Abspaltung der Immobilienfinanzierung in die Hypo Real Estate sollte Risiken isolieren. Die spätere staatliche Rettung der HRE ab 2008 verlieh der rückblickenden Bewertung jedoch eine neue Dimension. In der öffentlichen Wahrnehmung verdichtete sich der Eindruck, dass Risiken zuvor erkannt, ausgelagert – und letztlich sozialisiert worden waren.
Warum Reputation nicht verjährt
Juristisch sind die meisten dieser Vorgänge abgeschlossen. Zivilrechtliche Ansprüche sind verjährt, strafrechtliche Verfahren beendet. Reputation jedoch folgt anderen Regeln. Sie speist sich aus kollektiver Erinnerung, nicht aus Urteilen.
Insbesondere in Märkten wie München, in denen Immobilien existenzielle Bedeutung haben, prägen Erfahrungen mit Kreditkündigungen das Bild einer Bank über Generationen. Dass heutige Managementstrukturen, Eigentümerverhältnisse und Prozesse mit den damaligen kaum noch vergleichbar sind, ändert an dieser Wahrnehmung wenig.
Fazit
Der Fall HypoVereinsbank zeigt, dass rechtlich korrektes Verhalten nicht automatisch reputationsfähig ist. Banken agieren im Spannungsfeld zwischen Aufsicht, Risiko und Kundenbeziehung. Wird dieses Gleichgewicht zugunsten kurzfristiger Bilanzstabilisierung aufgelöst, entstehen langfristige Vertrauensschäden.
Rebranding kann Logos ändern.
Es kann jedoch keine Erinnerung löschen.
Und Reputation – das zeigt dieser Fall – ist die langlebigste Altlast einer Bankbilanz.
